„Ohne Glanz und Glamour“ – Wanderausstellung von Terre des Femmes über Prostitution und Menschenhandel

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Die Frauen von Terre des Femmes machen zu 99% gute Arbeit. Sie kämpfen gegen Sexismus, Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und Vergewaltigung. Doch diese Ausstellung gehört leider zu den 1% in denen Terres des Femme nicht gut genug gearbeitet hat, denn sie ist zwar sicherlich gut gemeint, aber tragischerweise nicht gut gemacht. 

Es gilt in der inhaltlichen Beschäftigung mit so konfliktbeladenen Themenbereichen wie der Prostitution das ehern ungeschriebene Gesetz, daß solch sensible Felder mit Betroffenen zusammen gestaltet und diskutiert werden müssen und nicht über sie hinweg. Diese Ausstellung ähnelt in ihrem Aufbau jenen über Tierversuche, die es allerortens gibt: Sie ist hochemotional gestaltet, zeigt herzergreifende Bilder, erzählt tränenrührende Geschichten, schildert beänstigende Berichte über schockierende Schicksale, aber der entscheidende Knackpunkt ist: Die Ausstellung handelt zwar von Prostitution, wurde jedoch ohne jegliche aktive kurative Zuziehung auch nur einer einzigen Betroffenen gemacht, sondern zeigt stattdessen zeigestockartig auf sie, in einen „Blick von Aussen“, als voyeristische Objekte der Berichterstattung – und wie bei allen Blicken von Aussen, bleibt somit die Frage: Wie objektiv kann dieser sein? Denn anders als stumme und passive Laboratten, -schafe oder -affen, die allenfalls leidend beissen, blöken oder brüllen können, um sich zu artikulieren, sind Prostituierte keine Tiere – sondern Menschen.

Es klingt zunächst paradox, daß ein Blick von aussen nicht objektiv sein könnte, aber wenn wir uns tiefer mit der Fragestellung auseinandersetzen, kommen wir in den Bereich, der in der Wissenschaft Experten-Laien-Kommunikation bezeichnet wird. Da gibt es ein interessantes Kapitel: Den Dunning-Kruger-Effekt.

Zitat:

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, um zu entscheiden, wann eine Lösung richtig ist.“

David Dunning

Genau dieser Effekt findet hier statt und nicht nur hier, sondern in der gesamten Diskussion über Prostitution: Jede_r die/der mehr oder weniger in der Aufmerksamkeit der Medien steht, fühlt sich derzeit bemüßigt etwas zum Thema beitragen zu wollen. Von wohlstandverwahrlosten Schauspielerkindern bis zu wohlstandsversessenen Moderatoren war bald ein jede_r schon einmal dabei, mehr oder weniger Qualifiziertes (in der Regel letzteres) in den Ring zu werfen, um auch mal mit dem aufregend kontroversen Thema im Rampenlicht gestanden zu haben (und wenn es nur Warhols berühmte 15 Minuten waren). Das Positivum daran ist: Es wird eine Sache diskutiert, die ob ihrer ungelösten Probleme und Herausforderungen schon lange auf der Agenda der Öffentlichkeit hätte stehen müssen, das Negativum: Auch hier schlägt, wie überall in unserer zeitgenössischen Gegenwartskultur eine Unart bahn, die ich Aufmerksamkeitsdarwinismus nenne, sprich: Die Gebrüder Schrill und Schund erhalten die meiste Aufmerksamkeit, nicht die mit Namen Fakt und Argument, da letztere leider auch die unangenehme Zusatzeigenschaft aufweisen, statt der erwünschten simplen, komplexe Fragen und Antworten stellen und geben zu wollen.

Umso bedauerlicher, daß Terre des Femmes ebenfalls auf den lärmenden Zug aufgesprungen sind und mit dem Strom mitschwimmen. Obwohl – es ist im Grunde menschlich und verständlich: Simple laute Fragen erwünschen simple laute Antworten und die sind billig und schnell gegeben. Komplexe Antworten sind teuer und langsam, noch dazu sind sie nie laut, sondern leise und es ist höchst anstrengend sich diese reinzuhören, da sie die FragerInnen

a.) dazu zwingen, selbst still zu sein, um diese zu verstehen und

b.) vielleicht auf Resultate stoßen, die eine Kognitive Dissonanz hervorrufen: Ein geistiger Spannungszustand, in dem Entscheidungen, Handlungen und Information auf Überzeugung, Werte und Gefühle stoßen und dadurch das Selbstkonzept und das damit verbundene Wissen über persönliche Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle und Verhalten drohen, in Frage gestellt zu werden und die Identität dadurch in Gefahr läuft, von innen her zu korrodieren.

Prostitution erzeugt Angst, denn sie rührt den Menschen an den Kern seines Selbstverständnisses des körperlichen Seins, manifestiert durch die Sexualität. Das körperliche Sein ist immer mit Angst verbunden, Angst vor Krankheit, Angst vor Schmerzen, Angst vor Gewalt, Angst vor dem Tod. Die gesellschaftliche Identität und Integrität unserer Zivilisation lebt von diesen Ängsten und der damit verbundenen Abgrenzung der Frau zum Manne, dessen Körperlichkeit als „schlecht“ abgewertet wird, da sie als hemmungslos und triebgesteuert und somit als unzivilisiert und tierisch, als „unmenschlich“ gilt. Der Mann ist somit „unrein“. In der Abgrenzung ist die Frau (wenn sie denn das Gegenteil erfüllt) „rein“. So ist die Hierachie des gegenseitigen Ringens um Kontrolle des anderen Geschlechts, die dadurch das Machtgefälle unserer Gesellschaft versucht zu kompensieren, in welchem die Frau dem Manne traditionell sozial- und finanzpolitisch unterlegen ist. Die Frau hat keinen Besitz, ausser den ihres Körpers, seiner Funktionen und Produkte und wenn sie schon nichts unter Kontrolle haben kann, dann wenigsten diese. Der Körper als letzte Bastion der Macht und Grenzwall, um sich auf Augenhöhe zu positionieren. Die Krankheit Magersucht hat ihre Wurzeln in dieser Konstruktion und viele andere Störungen, die sich auf den Körper beziehen.

Die Prostituierte konterkariert dieses Theorem, indem sie ihren Körper und ihre Sexualität keinen gesellschaftsspezifischen Geschlechternormen unter- oder überordnet. Ihr Körper ist keine biologische Festung, sondern individueller Verhandlungsgegenstand und -ort. Das zersprengt naturgemäß das Konzept der Machtbastion Körper und bestätigt es gleichzeitig, denn die Prostituierte zeigt auf, wo die Sollbruchstellen unserer Gesellschaft sind: Daß alles eine Frage der Verhandlung ist, schon immer gewesen und immer sein wird und alle Versuche, etwas aus diesem Verhandlungssystem künstlich auszukoppeln, lediglich Selbstbetrug und Augenwischerei. Sie ist der Bohrer, an die Wirklichkeit angesetzt, um zu sehen wo sie bricht und dort wo die Risse verlaufen, wird sie zur Plattform und Projektionsfläche, denn die Prostituierte ist alles und nichts, sie verhandelt sich für alle sichtbar unsichtbar, öffentlich anonym, mit Schminke ungeschminkt, unberührbar anfassbar. All die Angst und Wut, die sie damit auf sich zieht, ist im Grunde nichts anderes, als die auf sie projizierte Aggression der Menschen auf sich selbst. Wir spucken unseren Spiegel an, da wir uns nicht selbst bespucken können, genausowenig, wie eine Hand alleine für sich klatschen kann. Wir hassen sie als das, was wir fürchten selbst zu sein, vorauseilend für all die Anderen, für die wir glauben stellvertretend hassen zu müssen – ohne überhaupt zu hinterfragen, ob es denn jemals nötig war es zu tun und vor allem richtig.

Wie mit dieser Aggression umgehen ist jetzt die Frage? Die einfachste und gleichzeitig schwierigste Lösung wäre, nachzuforschen wo sie herkommt und zu suchen sie an der Quelle zu bekämpfen, sprich im eigenen Lebensentwurf. Aber das wäre ja eine komplexe Antwort und die ist ja, wie schon erwähnt, nicht für alle zu ertragen, so ist die nächstbeste Lösung, den Hass nach aussen zu tragen und den Spiegel zu zerschlagen, der sich so schamlos vor uns drängt und uns das häßliche Gesicht widerzeigt, das eigentlich das wahre unsere ist. Da aber die dunkle Geschichte des 20. Jahrhunderts, voll mit ihren Katastrophen rund um schwarze Winkel und Trostfrauen eine Beißhemmung quasi „von oben“ auferlegt hat, ist auch das nur noch schwerlich möglich. So bleibt nur noch die dritte Lösung: Der Flucht in die Selbsterhöhung und die damit verbundene Bekundung von Klage und Mitleid für die „armen Prostituierten“. Aber es ist ein vergiftetes Mitleid, denn es ist kein Mitgefühl, das im Tross Empathie zur Folge wünscht, nein, das Ziel nicht Erhöhung, sondern Herabwürdigung des Gegenübers, denn in unserer Gesellschaft ist bemitleidet zu werden sehr sehr gefährlich. Nichts und niemand wird so gnadenlos behandelt wie ein Opfer, denn ein Opfer ist schwach – und warum ist es schwach? Weil es sich entweder

a.) seine unterlegene Postition durch Untat selbst zu verantworten hat und damit Ursache und Schuld an seinem Leid trägt – und folglich eine Strafe rechtens ist

b.) geistig, sozial, gesellschaftlich, usw. minderwertig ist, versagt hat und damit ebenfalls selbst Schuld an seinem Leid trägt und folglich eine Strafe hier ebenfalls rechtens ist.
Folge ist eine sekundäre Viktimisierung, über diesen Umweg dann direkte Aggression ohne jegliche Hemmung und soziale Sanktion über die verfolgte Personengruppe ausgeschüttet werden kann. Das Tor sperrangelweit offen zur sozial akzeptierten Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Brutale Folge ist eine neue sozial akzeptierte ausgegrenzte Menschengruppe! Der Untermensch 2.0!

Die Ausstellung von Terre des Femmes folgt diesem Weg bestimmt nicht bewußt, aber die Tür ist geöffnet zum Weiterdenken in eine falsche und sehr gefährliche Richtung! Daher ist sie ob ihrer Primitivität und Plakativität – sowohl inhaltlich, als auch in ihrer Art, Ausrichtung und Präsentation als seriöse Information über Prostitution nicht zu gebrauchen.

Schade.

Juliana da Costa José

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