Überlegungen eines Freiers

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In liebevollem Denken an Christina

Du warst so unbeschreiblich weiblich
Auf jedem Zentimeter deines Körpers stand das Wörtchen Frau
Und Du warst so betörend leiblich
Ich spüre Deine süße Haut noch sehr genau.
So freundlich zugewandt kamst Du in meine Arme
Du öffnetest Dein Handtuch, schöne Dame
Und warst dann einfach da
Und ich, der unbekannte Freier,
ich war tatsächlich glücklich
Und fühlte Dich ganz nah

Überlegungen eines Freiers

Das Thema Prostitution schlägt in den Medien z. Zt. (2013/14) Wellen. Die rot-grüne Gesetzesnovellierung hat den Huren (indogermanische Herkunft = begehrlich, lieb/ Wikipedia) keine Vorteile gebracht. Eine Reform ist nötig. Fr. Schwarzer und das EU-Parlament befürworten das schwedische Modell: Verbot der Prostitution, Strafverfolgung der Freier.
Einer davon bin ich.
Wie wurde –und was denke ich dazu?
Frei nach Aristoteles:
Ich mag Frauen [nicht alle] Huren sind Frauen [nicht alle] Also mag ich Huren [nicht alle]

In jungen Jahren chauffierte ich einen Bekannten in die Landclubs der Umgebung. Ich hatte Zeit, aber kein Geld – er Angst um seinen Führerschein.
Als Nicht-am-Sexgeschäft-Beteiligter, führte ich ungezwungen Gespräche mit den Bardamen, wenn sie sich langweilten.
Ein plötzliches Zerfallen des professionell aufmerksamen Lächelns in angeödeten Widerwillen, als eine Frau den Kopf von einem Kunden abwandte, habe ich nie vergessen.
Genauso wenig den zärtlichen Kuss, den ich mal mit ihr tauschte. Geld war da nicht im Spiel.
Selber Geld für Sex zu zahlen, kam mir damals nicht in den Sinn. In meinem Kopf war das an romantische Liebe gekoppelt.
Außerdem waren Freier verklemmte alte Männer, die es anders nicht schafften, an eine Frau zu kommen.
(Ich bin jetzt 56 Jahre alt. Sexuell bin ich nicht verklemmt, aber schüchtern. Tatsächlich hatte ich außerhalb der Prostitution lange keinen Sex mehr. –Meine Versuche, über Balzbörsen Frauen kennenzulernen, waren überwiegend erfolglos geblieben.
Gäbe es nicht die Huren, würde mein Leben vermutlich ohne weitere erotische Frauenkontakte zu Ende gehen, -ein Verlauf, der wahrscheinlich keineswegs selten ist.
Das wäre schade gewesen. Sexualität ist mir wertvoll, ist im besten Falle eine intime Kommunikation –wenn auch häufig in Fremdsprachen.
Im öffentlichen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte über Liebe und Sexualität tauchte mal der Slogan vom ´Recht auf Liebe´ auf.
Nett, -und wo kann man wem gegenüber dieses Recht einklagen?)

 

 

Meinen ersten bezahlten Sex kaufte ich mir einige Jahre später als Mittzwanziger in Barcelona. Ich war in der Altstadt herumgestromert –die Huren an den Straßenrändern, die Einsamkeit im Nacken. Die ganze Nacht lief ich unentschlossen durch die Gassen. Im Morgengrauen ging ich mit einer hässlichen Frau davon. Ich wollte es nur noch hinter mich bringen. Die Stundenhotels waren belegt. Sie blies mir einen auf einer Hintertreppe und ich kam gegen Aufpreis in ihrem Mund. –Ihr Ekel vor mir war logischerweise noch wesentlich größer als umgekehrt:
Das Geräusch, mit dem sie das Sperma hochzog und ausspuckte, bleibt mir auch unvergesslich.
Prostitution spielte in den folgenden Jahren keine große Rolle für mich. Sporadische neue Versuche, häufiger aus einem Übermaß an Sehnsucht –denn an Geilheit heraus unternommen, führten durch die kühl distanzierte Art der Frauen zu unbefriedigender Ernüchterung.
Den Kontrast, Sex, der beide an – und miteinander begeisterte, hatte ich in Beziehungen kennengelernt.
Nach dem Ende einer langjährigen solchen, während der ich wenige Male mit wenig Enthusiasmus das “Fremdgehen“ im Bordell unternommen hatte, blieb ich allein – lang und immer länger.
Irgendwann besuchte ich, von der schon erwähnten Mischung aus Geilheit und Sehnsucht angetrieben eine ´Erotikmesse´ (Reisegewerbe mit Sexartikelverkauf, Softsexdarbietungen und angrenzenden Waren- und Unterhaltungsangeboten)
Dort buchte ich eine “Überraschungsmassage“:
Eine gelangweilte Barbusige rubbelte mir lustlos einen ´runter. Ich guckte befremdet ihrer wichsenden Hand zu und spritzte schließlich mühsam ab. Schließlich hatte ich ja gezahlt. Wir wechselten noch ein paar desinteressierte Worte, bevor das Schicksal Romeo und Julia wieder auseinanderriss.
Es gibt jedoch in meinem baden-württembergischen Wohnort eine erstaunliche Anzahl von Bordellen, was mir auf Dauer auch nicht verborgen blieb.
Dort machte ich einige interessante Bekanntschaften:
Die Bayerin zum Beispiel, die unter mir mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms stöhnte und zunächst nicht wusste, wovon die Rede war, als ich sagte, das sei sicher nett gemeint, aber unnötig. Schließlich meinte sie: „Ach das. Das merk´ ich schon gar nicht mehr.“
Denkwürdig auch das Zusammensein mit den beiden Frauen, die die Erfüllung des alten Männertraumes, des flotten Dreiers, versprachen. Während ich mit der einen das Pflichtprogramm durchturnte, lag die andere einen Meter entfernt und seufzte Gotts erbärmlich. – Ich hatte ihr doch gar nichts getan…
Da war andererseits die wunderschöne und mit ihrem ganzen Körper zuvorkommende Koreanerin, bei der ich mich für meine rauen Arbeiterhände entschuldigte und die kundenfreundlicherweise meinte, die Deutschen arbeiteten ja auch so viel. Auf meinen Kommentar, das sei in Korea sicher nicht anders, entgegnete sie, die staatlichen Fabriken gäben sonntags frei; die privaten würden durcharbeiten.
Die Polin, deren verträumtes Lächeln mich verzaubert hatte und die beim Vögeln meinen Namen flüsterte, als ob sie mich meinte.
Sie brauche den Alkohol zum Entspannen, sagte sie. – Beim nächsten Mal predigte ich über die Gefahren des Alkohols. Ich wusste, wovon ich redete.
Beim Sex war diesmal ich es, von dem eine Frau krampfhaft den Kopf abwandte. Für einen Moment dachte ich, dass da gerade ein alter Missbrauch erneut inszeniert wurde. Sie hatte es dann eilig, mich loszuwerden.
Die chinesisch –indische Frau, die stolz ihren wahren Namen nannte. Sie habe kein Pseudonym nötig. Eine Globalisierungsgewinnerin, arbeitetet sie halbjährlich als Restaurantangestellte in Indien und die andere Hälfte als Prostituierte in Europa, weil sie die Abwechslung liebt.- Sie bilanzierte zum Schluss die jeweiligen Orgasmen- vielleicht eine Auswirkung ihres anderen Jobs.
Die junge Türkin, die ich in ihrem Bordellzimmer als fleischgewordene Verkörperung all meiner sehnsüchtig- romantischen Jugendträume antraf. Sie sprach ausschließlich türkisch und lag auf dem Bett, wie ein Opferlamm. Ich war völlig impotent und erfreute sie stattdessen mit meinen wenigen türkischen Phrasen. Als ich ging, blickte sie – wie um sich zu versichern – auf das Foto (ihr Foto?) einer jungen Frau mit Kleinkind. Ich war so vom Donner gerührt, das ich erst viel später auf den Gedanken kam, es in diesem Fall vielleicht mit Zwangsprostitution zu tun gehabt zu haben. Ich habe sie nicht wiedergesehen.
Die Rumänin, die auf den ersten Blick wie eine einschüchternde Sexbombe gewirkt hatte und in Wahrheit fröhlich, lebensklug und völlig unprätentiös war –und sehr nahbar. Sie habe ich oft besucht. Unsere Körper schienen sich wirklich aufeinander zu freuen. Sie wollte sich hier eine Existenz jenseits der Prostitution aufbauen. Ich hoffe, sie hat es geschafft.
And last not least (in contrary!) die Pfälzerin, nicht gar so schrecklich viel jünger als ich, deren schlanken Körper zu umarmen mir stets aufs Neue ein Vergnügen ist. Sie kenne ich nun schon über Jahre. Ihre charmante, selbst denkende -und selbstbewusste, humorvolle Art macht einen großen Teil ihres Reizes aus und beim Sex ist sie im besten Sinne eine Professionelle. Als ich ihr einst wortkarg von einer ergebnislosen Verliebtheit in eine ihr unbekannte Kollegin berichtete, meinte sie nur ,ohne nach Einzelheiten zu fragen, so etwas bedeute Ausnehmen.
Die ihr geltenden Verliebtheitsäußerungen hatte sie Lady like abtropfen lassen. Sie ist halt- ohne sich im Geringsten so zu benehmen- eine Dame.
(Diesen Text habe ich ihr vorgelegt. Fachlich-logisch hatte sie keine Einwände)

 

Die Nennung der vielen unterschiedlichen Nationalitäten lässt übrigens erahnen, welch sprachliches und kulturelles Wissen sich die weltreisenden Huren neben der eigentlichen Arbeit aneignen müssen.

 

Eine neue Phase begann, als ich die FKK´s kennenlernte, Häuser, in denen sich Huren und Freier in gemeinsamen Aufenthaltsräumen gesprächsweise und hautnah kennenlernen können, bevor sie sich zum Vögeln in Zimmer zurückziehen. Der Name rührt daher, dass die Frauen nackt sind, die Männer ein Handtuch umgeschlungen haben. Diese Kennenlernpraxis brachte für mich viel stärker den menschlichen und zärtlichen Aspekt ins Spiel, der mir bis dahin so häufig gefehlt hatte.
Dazu gehört für mich auch vor allem das Küssen, was die Frauen zuweilen von sich aus tun, was aber mitunter auch Teil der Bordellordnung zu sein scheint.
Eine nette Bulgarin, die ich so kennenlernte und die schon vor ihrer Prostitutionsphase die Eigenständigkeit geschätzt hatte, meinte später, als ich sie in einem normalen Bordell wiedertraf, dass diese Vorteile der Männer ihre Nachteile waren und ihr die Arbeit in einem üblichen Puff mehr Freiheit und Kontrolle erlaube.
Für mich begann damals eine Zeit der sexuellen Freuden. Gerne begegnete ich den Frauen respektvoll und zärtlich und gab mir Mühe, ihnen Gutes zu tun. Das führte in einigen Fällen sehr wahrscheinlich zu echter gemeinsamer Lust. (Zwei Frauen wollten ohne Aufpreis ohne Kondom vögeln / das habe ich von mir aus niemals verlangt) –Und einige von ihnen besorgten sich mit meiner Hilfe ihre Orgasmen, nicht theatralisch stöhnend, sondern ruhig und konzentriert.
Einschub: Ich hatte das Internet zum Thema bisher beiseite gelassen, weil ich befürchtet hatte, meine eigenen mühsam rausgewürgten Gedanken würden unter der Überfülle anderen Materials ersticken.
Nach dem vorläufigen Abschluss habe ich das nun nachgeholt.
[bisher Googlesuche/Soziologie+Prostitution sowie ZEIT-ONLINE] und bin auf interessante weitere Punkte gestoßen. (Diese erscheinen weiterhin kursiv)
Es herrscht ja Kreuzzugsstimmung zwischen den Diskussionsteilnehmern zum Thema Prostitution, wobei der Frontenverlauf ähnlich kompliziert ist, wie beim historischen Vorbild.
Zum Beispiel stimmen religiös-humanistische und einige feministische Betrachtungsweisen darin überein, dass die Sexarbeit bei den Frauen sexuelle Lust unmöglich macht (wegen lieblos-geschäftlicher Inszenierung einerseits, bzw. wegen der Unterdrückungssituation und aufgrund der genauen Kenntnis jedweder weiblichen Sexualität seitens der Autorinnen andererseits)
Wie beschrieben, glaube ich das nicht, – (und weiß, dass die Darstellung zur Dienstleistung gehört)
Inszenierte Gefühle, (das bewusste Lächeln zur Stimmungsaufhellung, das angeordnete Lächeln und die freundlichen Floskeln der Verkäuferinnen) haben Rückwirkungen auf das jeweils eigene Empfinden und den zwischenmenschlichen Kontakt.
Es gibt gegenwärtig einen gesamtgesellschaftlichen, wirtschaftlichen Druck, sich so zu verhalten.
Der Effekt ist sehr zwiespältig. Die vor der turbokapitalistischen Gegenwart übliche Trennung zwischen kühl-geschäftlich (und entsprechend freudlos) draußen und liebevoll-freundlich (mit Echtheitssiegel gewissermaßen) daheim, schwindet:
Bei den LKW-Fahrern mit Kundenkontakt, den Aldi-Verkäuferinnen, den Huren und ihren Kunden.
Vielleicht hilft uns Folgendes im Umgang mit den Auswirkungen weiter:
Die Wahrheit ist in der Lüge mitenthalten, -so wie die Lüge in der Wahrheit.
Ich hatte- auch nicht allzu oft, aber dennoch- schon Spaß auf der Arbeit –-und bei Freundinnen Orgasmen gefaked.
Ein unter den gegebenen Umständen skurriler Nebeneffekt des erwähnten menschlichen Aspektes waren meine Schuldgefühle gegenüber der jeweils ersten Frau, wenn ich mit einer anderen Frau zusammen war. Auch jene unterdrückten mitunter eine Verstimmung, die manchmal vielleicht nicht nur dem Einnahmeverlust geschuldet war.
Unsere hergebrachten Konzepte wirken halt noch weiter, auch wenn die Situation dazu nicht mehr passt. (Dazu später mehr)
Gerne erinnere ich mich an ein Gespräch über den hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich im 14.-15. Jhdt.
Worüber man halt so redet im Puff.
(Die Gesprächspartnerin war Diplompolitologin. Ihre Bildung, sowie ihr akademisch korrekt klingendes Englisch und Spanisch ließen mich daran nicht zweifeln)
Gespräche spielen in Bordellen im Übrigen sicher eine Sonderrolle: Angeblich kehren viele Freier ja den Huren gegenüber ihr Innerstes nach außen, so das die Frauen dann noch eine zusätzliche Rolle als Beichtvater mit Busen hätten.
Sex kann so gut Vertrauen schaffen, wie verhindern. Das hängt auch davon ab, ob man im nackten Gegenüber einen Menschen oder ein Stück Fleisch sieht. –Wer spricht schon mit einem Schnitzel?
Die Abspaltung des “Milieus“ von der Alltagswelt bewirkt wohl auch den Effekt der ´Reisenden im Zug`, die sich einander öffnen, weil sie darauf vertrauen, sich nicht in ihren sozialen Zusammenhängen wieder sehen zu müssen.
Für mich kommt noch hinzu: Das bezahlte Bumsen als eigentlicher Grund des Zusammenseins ist doch schon geklärt. Also kann der Mann im Gespräch anstatt sich zu spreizen, zu balzen und zu schleimen gleich zur Sache kommen – zum Inhalt nämlich.

 

Abgesehen von den schon geschilderten befremdlichen Szenen, will ich den Sex nicht detailliert darstellen. Die Frauen und ich tuen das, (wenn auch nicht so virtuos) was man in jedem Standardporno sehen kann. –Da brauch´ ich keinen mehr schreiben.
Kundenbewertungen der Huren, wie im sonstigen Geschäftsverkehr, mit zackigen technischen Kürzeln für die jeweilige sexuelle Praktik finde ich persönlich abstoßend, auch wenn sie Werbung für die Frauen sein können. (In einem entsprechenden Freierforum stieß ich mal auf das Kollegenpseudonym `Zertifizierer´[Der Schwanz soll ihm abfallen!]—Aber dort gab es auch erfreulich respektvolle Kommentare)
Das Feilschen um Aufpreise für vom Standard abweichende Dienstleistungen törnt mich ab. Was beim gekauften Sex vor sich geht, muss gar nicht so unendlich unterschiedlich vom “privaten“ sein: Besondere Praktiken können ein Zeichen dafür sein, das mann&frau sich mögen, sich vertrauen, sehr geil aufeinander sind.
Wenn darüber verhandelt wird, kann der Wert umgekehrt zum getriebenen Aufwand sinken.
(Was auf keinen Fall heißen soll, die Frauen wortlos zu bedrängen. Gerade wenn man/frau sich kaum kennt, sind Vorsicht und Respekt die wichtigsten Tugenden)
Andere Freier hatten in Interviews davon gesprochen, dass Schilderungen von Handlungen, die demütigen, wenn sie nicht beiden gefallen (Analverkehr, Spermaverteilung, Ficken ohne Gummi) durch wieder andere in diesen Bewertungsforen sie angefixt hätten, auch danach zu suchen und sie selbst das als süchtige Dosissteigerung in Richtung ´immer härter, immer schmutziger´ erlebt hätten.
Süchtige Entwicklungen (Noch mal Sex, noch eine andere Frau, auch wenn eigentlich weder Schwanz noch Hirn [geschweige denn der Geldbeutel] weiterhin dazu fähig waren), habe ich auch erlebt .Das Stöbern in den Bewertungsforen habe ich gestoppt, als es mir wie eine schmierig-verlockende Schlüssellochperspektive erschien.
Das Angebot einiger solcher Praktiken in der später erschienenen ´Servicebeschreibung´ der Frau, in die ich mich recht ernsthaft verliebt hatte, hatte eine ähnlich fasziniert-abgestoßene Wirkung auf mich, wie es die Kollegen in den Interviews geschildert hatten
[Sie hatte mal über ihre Sorge gesprochen, fiese Erlebnisse mit fiesen Freiern später nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen] Ich habe vielfältige Suchterfahrungen. Da ich weiß, welche Schuldgefühle und welch extrem ambivalente Gefühle gegenüber dem Suchtmittel schon der Konsum simpler Chemikalien auslösen kann, möchte ich nicht mehr erleben, was die pervertierte Beziehung zu Menschen als Suchtmittel bewirkt.
Die Kollegen, die sich darein begeben, sollten wissen, dass sie nicht nur die Frauen zur Sau machen, sondern das sie den Schweinekopf, der ihnen im Spiegel entgegen starrt aus dem Puff mit nach Hause tragen werden –und er wird ihnen Angst machen!
Persönlich glaube ich übrigens, dass Sex, bzw. die sexuelle Liebe die Urmutter aller Süchte ist.
Um die Individuen zu solch einem, die Selbsterhaltung gefährdenden Verhalten zu veranlassen, hat “Mutter Natur“ einen tiefen Griff in den jeweiligen körpereigenen Giftschrank getan,
Und wie jedem Dealer ist ihr das Wohlergehen der Konsumenten egal.
Der Umsatz stimmt schließlich seit Jahrmilliarden.
(Auch dazu später mehr)
An das Vorhergehende anknüpfend: Ich wurde gefragt, worin überhaupt für mich die Unterschiede zwischen Sex in der Prostitution und im Privatleben lägen.
In wenigem, denke ich (nicht zuletzt natürlich, weil ich einiges so gar nicht gerne sehen möchte). Auch im “normalen“ Leben wird die Sexualität oft unterschwellig ge- und verhandelt —
—und kann den Handelspartnern Freude bereiten.
Genau wie in der Prostitution –nur, das das, was jeweils im einen Bereich als bedenkliche Verfehlung gilt, im anderen als einzig akzeptables Motiv dasteht.
Auch können in beiden Lebensbereichen neben der Triebabfuhr liebevoll-zärtliche Aspekte eine Rolle spielen.
Da die Frauen in der Prostitution mit den sexuellen Dienstleistungen ihren Lebensunterhalt bestreiten, müssen sie sich natürlich vor emotionalen Verwicklungen hüten.
Für die Freier gibt es mehr Wahlmöglichkeiten:
Einmal strikte Abspaltung. (Ich kauf ‘mir für ´ne halbe Stunde ´ne Votze). Eine risikoarme Wahl und klare Geschäftsbasis, die die Frau auf ein Stück Fleisch reduziert, von dem man nicht mehr erwartet und bekommt, als vom schon erwähnten Schnitzel.
Das erleichtert sicher auch vielen Frauen die Geschäftsabwicklung, ist aber erheblich teurer als der Kauf einer ´Travelpussy´ (Vinyl, erhältlich an jeder guten Autobahnraststätte)
Zweitens, die Huren als nackte Menschen mit all ihrer nervigen menschlichen Kompliziertheit wahrnehmen. Das kann die Geilheit beeinträchtigen und Verliebtheit erzeugen, wobei dann schon das Eigeninteresse der Frauen fast sicher dazu führt, entweder einen Korb zu bekommen, oder als abbauwürdiges Rohstoffvorkommen dazustehen.
Keine Rose ohne Dornen
Die besonderen ´Liebeskünste´ der Huren halte ich für Fiktion. Es ist ja kein Lehrberuf. Infos über Sextechniken und Pornos werden flächendeckend genutzt. Wenn eine Frau eine ´Liebeskünstlerin´ ist, dann aufgrund ihrer Persönlichkeit und recht unabhängig vom Beruf. (Wenn sie allerdings einen Beruf daraus macht, bereitet sie vielen Freude –und lebt riskant, glaube ich.)
Außerdem: Sex ist eine, durch keinen vorgegebenen Rahmen vereinfachte Interaktion zwischen sich zunächst fremden Menschen mit unterschiedlichem Gefühlsleben, verschiedenartigen Denkweisen und Verhaltensmustern und sehr verschiedenen Körpern…
— Wenn das dann so wird, wie in den Klischeevorstellungen, die unsere Hirne verkleistern, dann war es der Münzwurf, der auf der Kante gelandet ist und beide sollten dem Herrn (oder der Münze) auf Knien danken.
Im Vergleich dazu ist die Frage, ob Geld im Spiel war sekundär.
(Das Zusammenstöpseln klappt natürlich irgendwie fast immer. Sonst wären wir längst ausgestorben. Aber zwischen hilflosem Gehampel und schöner Sexualität liegt ein weites Feld)

 

Da meine Begeisterung aus Geldmangel und nach der allen Erwartungen entsprechend enttäuschten Verliebtheit auf Normalmaß geschrumpft ist, bleibt nun Muße für allgemeinere Gedanken zum Thema Prostitution, bzw. zu den Rollen der beteiligten Handelspartner und zum Geschäftsgegenstand.
Um lange vor Adam und Eva zu beginnen: Sex ist gefährlich!
Brünstige und vögelnde Individuen jedweder Spezies sind den Umweltgefahren gegenüber unaufmerksam. Bei in Gruppen koexistierenden Arten führt sexuelle Rivalität zu innerartlichen Konflikten. Bei uns kulturell geformt hochkompliziert zusammenlebenden Menschen sind sexuelle “Liebe“ und ihre ursprüngliche Funktion und Folge, die selektierte Fortpflanzung von fürsorglicher und romantischer Liebe eingehegt worden (die aber ihrerseits wieder Quelle neuer Gefahren sind: Tragische Liebesmythen und Opfertodgeschichten vieler Völker zeugen davon)
Aus dem Blickwinkel unserer gegenwärtigen kapitalistischen Weltsicht betrachtet, könnte man sagen, dass das begehrte und risikoreiche immaterielle Gut Sex frühzeitig bewirtschaftet wurde.
In den patriarchalen Gesellschaften wurden die Frauen als “Besitzerinnen“ der sexuellen Lust (Männer bewerben sich-Frauen wählen aus) enteignet und konnten im besten Falle die Rolle der rechenschaftspflichtigen -aber auch noch mächtigen- Prokuristin behalten. (Diese Macht aus zweiter Hand erklärt m.E. einen Teil der Gegnerschaft von sozial integrierten Frauen zur Prostitution, die quasi als Geschäftsausübung unter Umgehung des Zunftzwanges erscheint.)
Das “Geschäftsmodell“ für sexuelle Beziehungen lautete dabei: Der mächtige, mit hohem Sozialstatus versehene Mann, verschafft sich die anziehende Frau. Da dieser Vorgang unter dem Diktat von Macht und Ohnmacht stand, wurde er später durch Romantisierung ummantelt, um ihn für beide Seiten erträglicher zu machen. Dabei wirkten möglicherweise ähnliche psycho-soziale Mechanismen wie beim Stockholm-Syndrom, der unter steter Bedrohung zustande gekommenen Verbrüderung von Geiseln und Geiselnehmern bei der Besetzung der deutschen Botschaft in den 70 er Jahren. Die Befreundung rettete das Selbstbild der Opfer als handlungsfähige Personen.
Der früher zweckgebundene Akt der Romantisierung hat sich mittlerweile zur romantischen Liebe emanzipiert und zu einer Vielzahl von Ausdrucksformen ausdifferenziert. Diese Romantik hat in den westlichen Gesellschaften heutzutage wahrscheinlich mehr Einfluss auf menschliches Verhalten als die ursprüngliche Geilheit und Vorteilsnahme.-
(Liest man sich aber Verbrauchsliteratur vom Typ ´Frauenroman´ durch, sieht man in den Beschreibungen der Protagonisten sehr schön die Archetypen durchschimmern)
Ein weiterer Paradiesgarten romantischer Ausdrucksformen sind interessanterweise die Börsenberichte. Verglichen mit dem sensiblen Gesäusel rund um scheues Kapital und nervöse Finanzmärkte waren die ´Leiden des jungen Werther´ eine reine Fickgeschichte und man stellt erleichtert fest, das tiefe menschliche Empfindungen einen sicheren Hafen in der kapitalistischen Welt haben.
Was aber hat der theoretische Ausflug mit der Prostitution zu tun?
Nun, der ursprüngliche Handel hat hier unverschleiert überlebt (wenn auch die “Macht“ auf die verfügbaren Finanzen geschrumpft ist) und wird vollzogen von Menschen, die entweder sozial desintegriert sind oder sich eine Auszeit von den Zwängen der Integration nehmen.
Sie alle, die Verkäuferinnen und die Käufer bringen aber die gesellschaftlichen Konzepte, die Romantik, die jeweils herrschende Sexualmoral dorthin in ihren Köpfens mit – und müssen sich davon genauso strikt abgrenzen, wie integrierte Menschen von unverblümtem Tauschhandelsex.
Für eine Prostituierte ist eine romantische Verliebtheit schließlich ein schwerer Verkehrsunfall und so existenzgefährdend, wie für den verliebten Autoschlosser, den Wagen der netten Kundin stets umsonst zu reparieren und die sonstige Arbeit links liegen zu lassen.
Der Freier wiederrum verschleudert durch Anfälle romantischer, bzw. fürsorglich- besitzergreifender Liebe seine teuer erkaufte Freiheit von eben jenen –und ihren Gefahren.
Die Kälte und gegenseitige Verachtung, die den Umgang miteinander und das Reden übereinander häufig –keineswegs immer – bestimmen, dürften, außer Ausdruck des schwelenden Machtkampfes zu sein, auch eine Schutzfunktion für die jeweilige Psyche haben.
Der Zwiespalt zwischen mitgebrachten inneren Konzepten und der äußeren ökonomischen Realität, der –aber nur scheinbar – ein spiegelverkehrtes kleineres Abbild der das Rotlichtmilieu umgebenden gesamtgesellschaftlichen Realität und ihrer inneren Gegenbilder ist, bringt dieses zum Schillern.
Ein Ende dieses Schillerns, eine Eindeutigmachung der Sexarbeit als “normale“ Arbeit scheint mir deshalb fraglich, weil Sex und die davon nicht sauber und rückstandsfrei zu trennende Liebe per se und nirgendwo normal, sondern eben riskant sind und aus sich heraus gefährlich schillern.
Nebenbei bemerkt ist auch die “Normalität“ so mancher Arbeit gerade im sozialen Bereich fragwürdig. Wenn die Hure die bezahlte Geliebte ist, ist dann nicht auch der Sozialarbeiter der bezahlte große Bruder, der die Hindernisse aus dem Weg räumt und der Psychotherapeut der bezahlte Freund, der mit einem offenen Ohr und guten Ratschlägen bereitsteht?
Letzteren Beruf zeichnen übrigens ähnlich hohe Anforderungen an die Empathie und das Einbringen der eigenen Person mit entsprechender Bedrohungslage für die eigene Persönlichkeit und ähnlich hohe Stundensätze aus, wie die Prostitution.
(Die Sexarbeitsorganisation ´Dona Carmen´ fordert eine Anerkennung der Prostitution als freier Beruf. Eine weitere, einleuchtende Parallele)
Die Rahmenbedingungen der Sexarbeit sind aber sicher weiter in Richtung Fairness und gesellschaftlicher Anerkennung veränderbar:
Zum Beispiel einklagbarer Schutz vor unerwünschter sexueller Belästigung, wie für jede andere Frau auch.
Herausdrängen der parasitären Luden aus dem Arbeitsumfeld und Übernahme der Schutzfunktion durch genossenschaftlich organisierte security und, wie überall sonst, gegebenenfalls die Polizei.
Öffentlich geförderte Imagekampagnen. (Nicht nur die Krankenschwester ist wichtig)
———-Wie steht es denn mit der gesamtgesellschaftlichen Funktion der Huren? ———-
Eventuell eine erweiterte Fürsorgepflicht des Staates, wie sie auch gegenüber Berufssoldaten besteht, —–Auch die gehen ja– mit dem gewaltsamen Tod als Teil des Berufsbildes- keiner normalen Tätigkeit nach, dienen aber –als Schutz nach außen – der Gesamtgesellschaft.
(Eine schöne Ungarin meinte, mit ihrer Teilzeittätigkeit Seitensprünge zu kanalisieren und somit Beziehungen zu schützen)
Gibt es Forschung dazu?
Gibt es prostitutionsfreie Gesellschaften als Vergleich?

 

Vielleicht ist es aber doch möglich, die Sexarbeit komplett zu normalisieren.
Schließlich haben es die Fastfoodketten auch geschafft, die durchaus schillernde Sinnlichkeit traditioneller Nahrungsaufnahme ( man wusste ganz früher auch nicht sicher, ob das wohl gut gehen würde) durch reiz- und gefahrlose Normprodukte zu ersetzen, deren Konsum in den kunststoffbeschichteten Abfütterungsstationen eine mobile Alternative zur Magensonde bietet.
Der vollwaschbare Sex Android ist bestimmt bereits in der Entwicklung und wird die Frage, ob es ihm selber auch Spaß gemacht habe, bereitwillig bejahen.
Ein Wort noch zum spiegelverkehrten Abbild der Mehrheitsgesellschaft im “Milieu“:
Das scheint keine Einbahnstraße zu sein:
Der Selbstdarstellung zur Kundenaquise als stets geile und willige Hure entspricht längst die geforderte Präsentation bei der Stellensuche: Naturfleißig und ohne Zeitdruck bei den Überstunden.
Oder anders ausgedrückt: Auf den unterbezahlten Leiharbeitsjob gilt es zu reagieren, wie auf den stinkenden Freier: Enthusiastisch die neue Herausforderung begrüßen!
Und in den mehr kommunikativen Bereichen heißt es, den Kundenforderungen gegenüber die Hirnhälften zu spreizen, wie die Huren ihre Schenkel.
Da könnte man doch zu den bereits reichlich vorhandenen Denkmalen für den unbekannten Soldaten welche für die unbekannte Pionierin der freien Marktwirtschaft errichten.
Die liegende Position hätten beide schon mal gemeinsam.
Hab mich lieb!
Jetzt bist Du da, dann bist Du dort.
Jetzt bist Du nah, dann bist Du fort.
Kannst Du´s fassen?—- Und über eine Zeit
gehen wir beide die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb?…
Komm, schließ die Augen,
und hab mich lieb!

 

Christian Morgenstern

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Showing 3 comments
  • Lina
    Antworten

    …toll geschrieben!
    Nach dem Morgenstern -ein guter Schluss- muss ich nun heulen.
    Es ist schon seltsam, dieses Nah und Fern und das dazwischen.
    Irgendwo dazwischen befindet man sich, wie ein Tänzer/eine Tänzerin, auf Drahtseilen und drumherum ist Nacht
    und niemand sieht zu, bekommt es mit, kann es verstehen.

  • jener freier
    Antworten

    Hallo Lina!

    Danke für das Lob und schön, dass Dir der Morgenstern auch gefällt.
    Natürlich klingt er etwas melancholisch, aber er beschreibt sehr anschaulich die flüchtige Existenz in einer Welt ohne religiöse Sicht derselben. Dort ist Einsamkeit ein Preis der Freiheit, aber wenn man weder mit Wiedergeburt noch mit 72 Jungfrauen oder sonstigen transzendentalen Fortsetzungen rechnet, wird jedes liebevolle Begegnen und manchmal sogar Erkennen in Bezug auf andere Menschen wertvoller.
    Arschlöcher gibts schließlich genug; der Kosmos scheint kalt zu sein: Da kann man&frau sich ruhig um ein bisschen Wärme bemühen.

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