Offener Brief an correct!v

 In Prostitution Allgemein, Sexarbeiter bloggen

Lieber David Schraven und Georg Kontekakis, liebes CORRECT!V Team,

eigentlich les ich ja gern bei euch rein. Vor einigen Tagen musste ich mich aber ernsthaft zusammen reißen, um nicht meiner ganzen Wut verbal Platz zu machen.

Am 3. Mai habt ihr einen Artikel mit der Überschrift veröffentlicht “EXKLUSIV: Spitzenfrau der AfD in Nordrhein-Westfalen arbeitete als Prostituierte” (https://correctiv.org/blog/ruhr/artikel/2017/05/02/der-sexskandal-der-afd-nrw/), und kurz drauf eine Rechtfertigung “Warum ich über AfD-Spitzenfrau Iris Dworeck-Danielowski geschrieben habe” (https://correctiv.org/blog/ruhr/artikel/2017/05/03/warum-ich-ueber-iris-dworeck-danielowski-geschrieben-habe/?edit_off).
Ihr schreibt sie hätte sich erpressbar gemacht und rechtfertigt das damit, dass sie das ja in ihrer Bewerbungsrede nicht offen gelegt hätte.
So sehr ich die AfD mitsamt all ihrer PolitikerInnen verabscheue: Ihre Entscheidung ist zu respektieren. Und zwar aus sehr gutem Grund: Weil sie sich damit öffentlich geoutet hätte, und somit riskiert hätte ihre Anstellung/ Kundschaft zu verlieren (wovon auch immer sie grad ihr Geld verdient, das ist euer Job zu recherchieren, nicht meiner!) und weiter riskiert hätte, dass sie es künftig verdammt schwierig gehabt hätte einen Job zu finden.
Aber den Job habt ihr ja jetzt für die AfDlerin übernommen… Das nennt man übrigens Zwangsouting.

Wisst ihr eigentlich wie viele Frauen jährlich ihren Hauptjob verlieren, weil dort rauskommt, dass sie nebenbei anschaffen gehen und das dem Arbeitgeber nicht mitgeteilt haben (von der ganzen Diskriminierung im persönlichen Umfeld ganz zu schweigen)? Nein? Ich auch nicht, dazu gibts ja keine Erhebungen. Aber ich kenne mehrere Kolleg*innen höchst persönlich. Folge: Sie arbeiten jetzt komplett in der Prostitution… Rauszufinden, wie dramatisch das für Kolleg*innen ist, die durch Zwangsouting ihren Hauptberuf verlieren, wäre ein hochinteressanter Job für ein investigatives Recherche-Kollektiv wie euch.
In dem Zusammenhang auch spannend: In einem Jahr einen Beitrag dazu schreiben, wie sich die Zwangsregistrierung als Hure auf das Risiko zwangsgeoutet zu werden ausgewirkt haben wird.
Oder wie das ProstSchG ein komplett neues Feld an illegalisiert arbeitenden Sexarbeiter*innen schafft, die bisher legal arbeiten konnten und es damit für Freier deutlich erleichtert, die*n Dienstleister*in zu erpressen.
Aber ach, meine Hoffnung ist gering, dass ihr euch mit Hurenrechten die Finger schmutzig machen wollt. Die Fahne für Entkriminalisierung und Mitbestimmung von Sexarbeiter*innen hochzuhalten, könnte ja eure Integrität verringern. Lieber verschweigt ihr das Thema komplett und schreibt in eurem Schwerpunkt “ungerechte Arbeitswelt” lieber gar nichts dazu, trotz jahrelangen Diskussionen und einem ProstituiertenSchutzGesetz, dass Sexarbeiter*innen diskriminiert.

Da wirkt es geradezu zynisch, dass ihr eurer Boulevard-Niveau damit rechtfertigt, dass die AfD ja ein Frauenbild aus den 50ern hat und sich gegen die Emanzipation von Sexarbeiter*innen einsetzen würde. Als wärt ihr die absolut vorbildlichen Vorreiter in Sachen Sprachrohr der Sex Workers Rights Movement in Deutschland.

Dabei findet ihr ja das entlarven von Fake-News so wichtig: Wie wäre es denn mal damit die Märchen der internationalen Rettungsindustrie zu enthüllen (möglicher Ausgangspunkt: http://www.lauraagustin.com/site-map/rescue-industry)? Oder die vermeindlichen Erfolgsgeschichten der Schwedischen Regierung dazu, wie hypererfolgreich die Freierbestrafung wirken würde (Möglicher Ausgangspunkt: Teil 1 https://feministire.com/2014/01/05/sex-trafficking-in-sweden-according-to-the-swedish-police/ , Teil 2 https://feministire.com/2015/01/15/more-on-sex-trafficking-in-sweden-from-the-swedish-police/ , Teil 3 https://feministire.com/2016/03/28/sex-trafficking-in-sweden-according-to-the-swedish-police-part-3/ )? Oder fühlt doch mal dem Diskurs in Deutschen Medien zu Prostitution auf den Zahn. Ein möglicher Fokus: Die Ausgewogenheit der Standpunkte. Ein anderer möglicher Fokus: Die Mechanismen und Forderungen, die an das gemalte Trauerbild aus Ausbeutung und Armut, anschließen.

Ihr vermutet vielleicht, dass die Themen innerhalb eurer eigenen LeserInnenschaft zu umstritten sind, und ihr einige eurer treuen SpenderInnen verlieren würdet? Dazu fällt mir auch nur das Kompliment “Gefälligkeitsjournalismus” ein – umstrittene politische Herausforderungen, wie sex workers rights, mal schön tabuisiert lassen, aber für einen regenbogenpresse Artikel zwischen drin kann das Thema Anschaffen ja schon mal herhalten.

Ich bin wirklich froh, dass so viele Leser*innen euch in die Schranken gewiesen haben. Vielleicht gibt euch das ja genügend Selbstvertrauen und Rückgrat euch auch mal an das Pulverfass der Prostitutionspolitiken dran zu trauen.

Wisst ihr: Die meisten Huren, die ich kenne sind links eingestellt. Das Spektrum reicht von Anarchist*innen über Kommunist*innen bis hin zu linken, grünen und/ oder liberalen Standpunkten. Und ja, leider gibts es auch ein paar, die für meinen Geschmack viel zu wirtschaftsliberal bis hin zu rechtsradikal sind. So what! Sexarbeiter*innen sind nicht automatisch bessere Menschen, genauso wenig wie Leute, die mit anderen Kram ihren Lebensunterhalt verdienen. Und im Endeffekt ist es auch vollkommen wurscht, ob die Personen, die für die AfD in die Parlamente ziehen, erpressbar sind oder nicht: So groß ist der Unterschied zwischen menschenfeindlichen und menschenverachtenden politischen Positionen am rechten Rand auch wieder nicht. Und gegen Erpressung können in Deutschland auch AfDlerInnen rechtlich vorgehen.
Was gar nicht wurscht ist: Wenn ihr dieser Politikerin vorwerfen wollt, dass sie durch ihre Vergangenheit als Sexarbeiterin erpressbar ist, dann unterstellt ihr das automatisch auch allen anderen (ungeouteten Ex)Sexarbeiter*innen. Damit tut ihr uns wirklich Unrecht.

Wenn ihr eine Frau, statt über ihre politischen Ansichten, über ihre Tätigkeit als Sexarbeiter*in diskreditiert und das damit rechtfertigt, dass sie das nicht frei heraus erzählt hat – ernsthaft: Seid ihr noch ganz bei Trost?! – , dann muss jede (ehemalige) Sexarbeiter*in, die sich künftig öffentlich engagiert, befürchten, dass ihr bei ihr dasselbe macht. Und selbst wenn ihr das mit dem Zwangsouting nicht selber umsetzt: Als integres Medium habt ihr durch euren Artikel und eure absolut verfehlten Rechtfertigungen die Messlatte für andere seriösen Medien ordentlich heruntergeschraubt. Transparenz ist wichtig. Aber nicht zu jedem Preis! Leider kann ich nur zynisch Fazit ziehen: Vielen Dank auch für diesen ungemeinen Bärendienst an einer hochstigmatisierten Minderheit!

Eine Geste der Widergutmachung fände ich durchaus sehr angebracht. Vorschläge stehen oben.

Für Workshops, Briefings zur Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen oder dergleichen stehe ich gern zur Verfügung oder vermittle kompetente Leute aus Sexarbeit, Aktivismus und Wissenschaft.

Liebe Grüße,
Marleen

P.S.: Eine geliebte Kollegin hat mir vor vielen vielen Jahren erzählt, dass Cem Özdemir sinngemäß mal gesagt haben soll, dass es erst dann Gleichberechtigung gäbe, wenn eine (Ex)Sexarbeiterin* in den Bundestag gewählt wird, und sie ihre Identität nicht davor die ganze Zeit verheimlichen musste. Davon sind wir noch weit entfernt – und eure Artikel untermalen es auf für Sexarbeiter*innen schmerzhafte Art und Weise.

P.P.S.: Ein Weg Richtung Gleichberechtigung auch für Sexarbeiter*innen führt mMn auch darüber, dass Sexarbeiter*innen ein im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verbrieftes Recht bekommen genau gegen solches Zwangsouting inkl Folgen vorzugehen.

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