{"id":558,"date":"2014-04-21T16:05:21","date_gmt":"2014-04-21T14:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/voice4sexworkers.com\/?p=558"},"modified":"2014-04-21T16:05:21","modified_gmt":"2014-04-21T14:05:21","slug":"lisa-gut-gemeint-ist-das-gegenteil-von-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/en\/lisa-gut-gemeint-ist-das-gegenteil-von-gut\/","title":{"rendered":"LISA: Gut gemeint ist das Gegenteil von Gut"},"content":{"rendered":"<p>Kommentar:<\/p>\n<p>Die LISA-Damen aus Wiesbaden wollen beim neuen Parteivorstand der LINKEN ihr Votum davon abh\u00e4ngig machen, wie er\/sie sich zum Thema &#8220;Sexarbeit&#8221; verh\u00e4lt. Sie favorisieren das skandinavische Modell. Ich habe sie \u00fcber Facebook angeschrieben und darauf hingewiesen, dass es in L\u00e4ndern in denen die Freier bestraft werden, zu mehr \u00dcbergriffen gegen Sexarbeiterinnen kommt. Hier die Antwort von LISA Wiesbaden und MEINE Entgegnung<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/aglisawiesbaden?fref=ts\" target=\"_blank\">LISA Wiesbaden<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Liebe Lady Hekate, wir sind im t\u00e4glichen Austausch mit Betroffenen. Bei unserer Veranstaltung im M\u00e4rz hatten wir zwei Betroffene auf dem Podium. Wir besch\u00e4ftigen uns auch mit den Positionen des Berufsverbands, da dort aber auch Betreiberinnen Mitglied werden k\u00f6nnen und der Berufsverband dar\u00fcber hinaus nur eine Minderheit der Prostituierten in Deutschland vertritt sind diese f\u00fcr uns nicht das Ma\u00df der Dinge. Wir sind international zum Thema vernetzt und kennen uns auch mit der Situation in Schweden bestens aus. Die Statistik zu zugenommenen gewaltsamen \u00dcbergriffen in Schweden ist schlicht falsch. Zum einen ging es dabei gar nicht um Schweden, sondern um Norwegen, und zum anderen stimmt es, dass in Norwegen eine Zunahme von Gewalt wie Spucken, Haare ziehen usw. zugenommen hat, schwerwiegendere Gewalttaten jedoch abgenommen haben. Genauer nachzulesen hier: \u00a0<a href=\"http:\/\/feministcurrent.com\/7038\/new-research-shows-violence-decreases-under-nordic-model-why-the-radio-silence\/\" target=\"_blank\">http:\/\/feministcurrent.com\/7038\/new-research-shows-violence-decreases-under-nordic-model-why-the-radio-silence\/<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Und jetzt ICH :<\/p>\n<p>Seit wann ist&#8221; Spucken, an den Haaren ziehen und so weiter &#8220;(was ist mit &#8220;usw.&#8221; gemeint? Pr\u00fcgel? Erpressung? Beleidigung?) weniger entw\u00fcrdigend als Vergewaltigen oder jemanden umbringen? Ich finde diese Relativierungen entlarvend. Sind die Verfasser dieser Studie etwa der Meinung, dass solche \u00dcbergriffe nicht so schlimm sind, weil es sich ja &#8220;nur&#8221; um Huren handelt? JEDE Form von Gewalt ist verabscheuensw\u00fcrdig! Und was Eure Einstellung gegen\u00fcber dem &#8220;Berufsverband f\u00fcr erotische und sexuelle Dienstleistungen&#8221; betrifft: Marginalisieren ist ein beliebter Trick in der etablierten Politik. Sachverhalte die unbequem sind, werden flugs zu &#8220;Einzelf\u00e4llen&#8221; erkl\u00e4rt und bagatellisiert &#8211; dann muss man sich nicht mehr darum k\u00fcmmern. Wenn der ehrenwerte Herr Uhl von der CSU so argumentiert kann ich das nachvollziehen &#8211; er m\u00fcsste ja sonst sein Weltbild \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Aber WIR? Haben WIR das n\u00f6tig- die gleichen Taktiken und Argumentationsstrukturen anzuwenden wie der ehrenwerte Herr Uhl von der CSU? Sexarbeit ist nicht gleich Sexarbeit. Nach 2002 hat sich das Metier sehr stark diversifiziert. Es gibt seitdem zum Beispiel auch Tantra-Studios und Sexualasstentinnen. Wollt ihr DIE dann AUCH brotlos machen?<\/p>\n<p>Ich finde es auch vom emanzipatorischen Standpunkt her \u00e4u\u00dferst problematisch, wenn Sexarbeiterinnen auf die Opferrolle reduziert werden. Wenn ich jemanden viktimisiere, dann entm\u00fcndige ich sie. Diese paternalistische Geisteshaltung lehne ich als LINKE prinzipiell ab. Ich streite nicht ab, dass es auch Zwangsprostitutution in Deutschland gibt. Aber dabei handelt es sich um Kriminalit\u00e4t. ICH spreche hier aber von NICHTKRIMINELLEN Verhaltensweisen<br \/>\nWir haben bereits im Strafgesetzbuch die Tatbest\u00e4nde der Vergewaltigung, der Freiheitsberaubung, der K\u00f6rperverletzung, der Erpressung, des schweren Betruges etc. Diese Gesetze m\u00fcssen nur konsequent umgesetzt werden. Und bereits jetzt kann die Polizei in JEDER Wohnung und in JEDEM Betrieb, der offiziell als Prostitutionsst\u00e4tte gemeldet ist, Razzien durchf\u00fchren &#8211; und zwar jederzeit .<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen setzt die Polizei auf Sexarbeiterinnen Scheinfreier an und verknackt sie, wenn sie gegen die Sperrbezirksverordnung versto\u00dfen, weil sie zum Beispiel einen Haus- oder Hotelbesuch in der Innenstadt machen.<br \/>\nDas ist ein schwerwiegender Eingriff in die Gewerbefreiheit und das verbriefte Recht auf freie Berufsaus\u00fcbung. Spitzelwesen und Denunziantentum haben Hochkonjunktur. ICH als LINKE finde solche Verh\u00e4ltnisse abscheulich. WENN euch wirklich an der Verbesserung von Zwangsprostuierten liegt, dann setzt euch f\u00fcr einen verbesserten Opferschutz ein &#8211; denn IMMER NOCH sind Frauen, die nachweislich Opfer von Schleppern geworden sind, von der Ausweisung bedroht, wenn sie bei einer Razzia aufgegriffen werden. Und Sexarbeiterinnen aus S\u00fcdosteuropa die aussteigen wollen, m\u00fcssen mit Repressalien seitens der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde rechnen, &#8220;weil sie ja nicht mehr arbeiten.&#8221;<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem ist bei Sexarbeiterinnen aus S\u00fcdosteuropa der Analphabetismus &#8211; hier sto\u00dfen die VertreterInnen der Beratungsstellen auf Probleme, weil die sch\u00f6nsten Informationsschriften f\u00fcr die Katz sind. Wir brauchen Alphabetierungsma\u00dfnahmen, mehr Aufkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten, bessere finanzielle Ausstattung der Beratungsstellen! HIER m\u00fcssen wir ansetzen &#8211; und nicht bei der Debatte um die Abschaffung der Prostitution. Warum wollt ihr denn die Prostitution \u00fcberhaupt abschaffen? Wegen der W\u00fcrde der Frau?&#8230; das lasse ich nicht gelten, weil der Feminismus hier mit einem Begriff von &#8220;W\u00fcrde&#8221; operiert, der sich einzig und allein \u00fcber das Sexualverhalten definiert. Das reduziert die Akteurinnen auf einen einzigen Aspekt ihrer Existenz und entw\u00fcrdigt sie.<\/p>\n<p>Ich finde es au\u00dferdem unfair gegen\u00fcber den frei und selbstbestimmt arbeitenden Sexarbeiterinnen (Die gibt es, auch wenn Herr Uhl von der CSU ihre Existenz hartn\u00e4ckig leugnet), wenn frau ihnen durch die Kriminalisierung der Nachfrageseite die Existenzgrundlage entziehen will. Was sollen denn die auf diese Weise brotlos gewordenen Sexarbeiterinnen eurer Meinung nach machen? Hartz IV beantragen? Oder vielleicht DOCH lieber einen 5\u20ac-Job an der Kasse bei Lidl? (Gelegentliches Angegrabscht-Werden durch den Filialleiter im Gehalt inbegriffen&#8230;) In der Pflege arbeiten f\u00fcr einen Hungerlohn, einem kaputtem R\u00fcckgrat nach zwanzig Arbeitsjahren und der Aussicht auf Hartz IV? Nach der Devise: &#8220;lieber ein Leben in W\u00fcrde , Armut und Anstand als ein Leben in S\u00fcnde&#8221; ? (Im \u00dcbrigen gibt es viele Sexarbeiterinnen die mal in der Pflege gearbeitet und dann umgesattelt haben wegen der miesen Arbeitsbedingungen dort.)<\/p>\n<p>Tut mir leid wenn ich hier sarkastisch werde, aber die Debatte um die Sexarbeit ist mir einfach zu undifferenziert, weil Sexarbeit bei den Abolitionisten immer gleichgesetzt wird mit Menschenhandel und das ist de facto falsch. Und au\u00dferdem ist sie heuchlerisch, dann hier wird insbesondere von der konservativen Politik &#8211; von CDU\/CSU bis hin zur AfD &#8211; ein Stellvertreterkrieg gef\u00fchrt, der vom WIRKLICHEN Skandal in Deutschland ablenken soll. Und dieser Skandal hei\u00dft: Privatisierung im Gesundheitswesen, hei\u00dft: Lohndumping, hei\u00dft: Leiharbeit, Werkvertr\u00e4ge und Hartz IV.<\/p>\n<p>Ich brauche hier nicht die Gewerbezweige auff\u00fchren, in denen Ausbeutung und Schikane der Besch\u00e4ftigten zum Arbeitsalltag geh\u00f6rt. Die kennt ihr genauso gut wie ich. (Ich habe zuletzt fast neun Jahre im Callcenter geknechtet und wei\u00df wovon ich rede.) Und es gibt auch in der Gastronomie Arbeitsverh\u00e4ltnisse die jeder Beschreibung spotten. Aber niemand k\u00e4me auf den Gedanken, die G\u00c4STE zu kriminalisieren. W\u00e4re doch mal eine tolle Anregung: jeder der zu Mc Donalds geht, wird angezeigt, weil er einen Gewerbezweig unterst\u00fctzt, der auf Ausbeutung, Umweltsch\u00e4digung und Schikane der MitarbeiterInnen gegr\u00fcndet ist. Und jeder der bei IKEA kauft macht sich strafbar aus demselben Grunde&#8230; Jede Kundin die zu KIK geht, wird kriminalisiert. Jeder, der bei AMAZON oder Zalando bestellt desgleichen&#8230; Ihr seht, Genossinnen, die Sexarbeit ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie bietet nur eine etwas gr\u00f6\u00dfere Angriffsfl\u00e4che, weil es sich um einen Bereich handelt, der seit eh und je tabuisiert wird (zumindest in einer Gesellschaft in der die Doppelmoral \u00fcblich ist und wo noch allenthalben die Folgen einer verqueren Sexualmoral greifbar sind).<\/p>\n<p>Im &#8220;Berufsverband f\u00fcr erotische und sexuelle Dienstleistungen&#8221; k\u00f6nnen auch Betreiberinnen Mitglied werden, das ist richtig. Aber es ist ein gewisser Unterschied zwischen einer Domina mit eigenem Studio und einer Sexarbeiterin im Flatrate-Bordell, einer Sexarbeiterin die auf dem Stra\u00dfenstrich arbeitet und einer Escort.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Es gibt schon seit etlichen Jahren in NRW den &#8220;Runden Tisch Prostitution&#8221; der Landesregierung &#8211; dort findet ihr nicht nur Sachverst\u00e4ndige aus Polizei und Gesundheitsamt und Streetworkerinnen aus den einschl\u00e4gigen Beratungsstellen, sondern auch Sexworkerinnen. Und die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet schon seit Jahren regem\u00e4\u00dfig Symposien zum Thema unter dem Titel &#8220;Wege aus der Grauzone&#8221;. Apropos &#8220;Grauzone&#8221;: gerade Flatrate-Bordelle und Stra\u00dfenstrich stellen eine solche Grauzone da &#8211; und hier ist durch eine Entkriminalisierung zumindest die Chance zu mehr Transparenz gegeben um n\u00e4mlich Schleppern und Menschenh\u00e4ndlern den Boden zu entziehen.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen bei den Symposien der Friedrich-Ebert-Stiftung ist \u00e4hnlich wie am Runden Tisch. Die einzigen die ich dort regelm\u00e4\u00dfig vermisse, sind VertreterInnen aus den politischen Parteien (ich bin anscheinend die einzige Vertreterin der LINKEN die sich dort regelm\u00e4\u00dfig blicken l\u00e4sst.). Bei der CDU kann ich das verstehen &#8211; aber WIR sollten uns ein gr\u00f6\u00dferes Ma\u00df an Diskussionsfreudigkeit und dem Heraustreten aus unserer angestammten Sph\u00e4re zumuten k\u00f6nnen, Andernfalls laufen wir Gefahr, dass wir uns den etablierten Parteien angleichen &#8211; schlie\u00dflich ist auch die Frauenunion gegen Sexarbeit&#8230;. und die AfD hat keine anderen Sorgen als die &#8220;Bewahrung der christlichen Sexualmoral&#8221;&#8230;Mit SOLCHEN Leuten will ICH nicht in einen Topf geworfen werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ich-liebe-deine-lust.com\/\" target=\"_blank\">Lady Hekate<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar: Die LISA-Damen aus Wiesbaden wollen beim neuen Parteivorstand der LINKEN ihr Votum davon abh\u00e4ngig machen, wie er\/sie sich zum Thema &#8220;Sexarbeit&#8221; verh\u00e4lt. Sie favorisieren das skandinavische Modell. 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