{"id":1847,"date":"2017-05-09T13:13:22","date_gmt":"2017-05-09T11:13:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/?p=1847"},"modified":"2017-05-09T13:13:22","modified_gmt":"2017-05-09T11:13:22","slug":"offener-brief-an-correctiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/en\/offener-brief-an-correctiv\/","title":{"rendered":"Offener Brief an correct!v"},"content":{"rendered":"<p>Lieber David Schraven und Georg Kontekakis, liebes CORRECT!V Team,<\/p>\n<p>eigentlich les ich ja gern bei euch rein. Vor einigen Tagen musste ich mich aber ernsthaft zusammen rei\u00dfen, um nicht meiner ganzen Wut verbal Platz zu machen.<\/p>\n<p>Am 3. Mai habt ihr einen Artikel mit der \u00dcberschrift ver\u00f6ffentlicht \u201cEXKLUSIV: Spitzenfrau der AfD in Nordrhein-Westfalen arbeitete als Prostituierte\u201d (https:\/\/correctiv.org\/blog\/ruhr\/artikel\/2017\/05\/02\/der-sexskandal-der-afd-nrw\/), und kurz drauf eine Rechtfertigung \u201cWarum ich \u00fcber AfD-Spitzenfrau Iris Dworeck-Danielowski geschrieben habe\u201d (https:\/\/correctiv.org\/blog\/ruhr\/artikel\/2017\/05\/03\/warum-ich-ueber-iris-dworeck-danielowski-geschrieben-habe\/?edit_off).<br \/>\nIhr schreibt sie h\u00e4tte sich erpressbar gemacht und rechtfertigt das damit, dass sie das ja in ihrer Bewerbungsrede nicht offen gelegt h\u00e4tte.<br \/>\nSo sehr ich die AfD mitsamt all ihrer PolitikerInnen verabscheue: Ihre Entscheidung ist zu respektieren. Und zwar aus sehr gutem Grund: Weil sie sich damit \u00f6ffentlich geoutet h\u00e4tte, und somit riskiert h\u00e4tte ihre Anstellung\/ Kundschaft zu verlieren (wovon auch immer sie grad ihr Geld verdient, das ist euer Job zu recherchieren, nicht meiner!) und weiter riskiert h\u00e4tte, dass sie es k\u00fcnftig verdammt schwierig gehabt h\u00e4tte einen Job zu finden.<br \/>\nAber den Job habt ihr ja jetzt f\u00fcr die AfDlerin \u00fcbernommen\u2026 Das nennt man \u00fcbrigens Zwangsouting.<\/p>\n<p>Wisst ihr eigentlich wie viele Frauen j\u00e4hrlich ihren Hauptjob verlieren, weil dort rauskommt, dass sie nebenbei anschaffen gehen und das dem Arbeitgeber nicht mitgeteilt haben (von der ganzen Diskriminierung im pers\u00f6nlichen Umfeld ganz zu schweigen)? Nein? Ich auch nicht, dazu gibts ja keine Erhebungen. Aber ich kenne mehrere Kolleg*innen h\u00f6chst pers\u00f6nlich. Folge: Sie arbeiten jetzt komplett in der Prostitution\u2026 Rauszufinden, wie dramatisch das f\u00fcr Kolleg*innen ist, die durch Zwangsouting ihren Hauptberuf verlieren, w\u00e4re ein hochinteressanter Job f\u00fcr ein investigatives Recherche-Kollektiv wie euch.<br \/>\nIn dem Zusammenhang auch spannend: In einem Jahr einen Beitrag dazu schreiben, wie sich die Zwangsregistrierung als Hure auf das Risiko zwangsgeoutet zu werden ausgewirkt haben wird.<br \/>\nOder wie das ProstSchG ein komplett neues Feld an illegalisiert arbeitenden Sexarbeiter*innen schafft, die bisher legal arbeiten konnten und es damit f\u00fcr Freier deutlich erleichtert, die*n Dienstleister*in zu erpressen.<br \/>\nAber ach, meine Hoffnung ist gering, dass ihr euch mit Hurenrechten die Finger schmutzig machen wollt. Die Fahne f\u00fcr Entkriminalisierung und Mitbestimmung von Sexarbeiter*innen hochzuhalten, k\u00f6nnte ja eure Integrit\u00e4t verringern. Lieber verschweigt ihr das Thema komplett und schreibt in eurem Schwerpunkt \u201cungerechte Arbeitswelt\u201d lieber gar nichts dazu, trotz jahrelangen Diskussionen und einem ProstituiertenSchutzGesetz, dass Sexarbeiter*innen diskriminiert.<\/p>\n<p>Da wirkt es geradezu zynisch, dass ihr eurer Boulevard-Niveau damit rechtfertigt, dass die AfD ja ein Frauenbild aus den 50ern hat und sich gegen die Emanzipation von Sexarbeiter*innen einsetzen w\u00fcrde. Als w\u00e4rt ihr die absolut vorbildlichen Vorreiter in Sachen Sprachrohr der Sex Workers Rights Movement in Deutschland.<\/p>\n<p>Dabei findet ihr ja das entlarven von Fake-News so wichtig: Wie w\u00e4re es denn mal damit die M\u00e4rchen der internationalen Rettungsindustrie zu enth\u00fcllen (m\u00f6glicher Ausgangspunkt: http:\/\/www.lauraagustin.com\/site-map\/rescue-industry)? Oder die vermeindlichen Erfolgsgeschichten der Schwedischen Regierung dazu, wie hypererfolgreich die Freierbestrafung wirken w\u00fcrde (M\u00f6glicher Ausgangspunkt: Teil 1 https:\/\/feministire.com\/2014\/01\/05\/sex-trafficking-in-sweden-according-to-the-swedish-police\/ , Teil 2 https:\/\/feministire.com\/2015\/01\/15\/more-on-sex-trafficking-in-sweden-from-the-swedish-police\/ , Teil 3 https:\/\/feministire.com\/2016\/03\/28\/sex-trafficking-in-sweden-according-to-the-swedish-police-part-3\/ )? Oder f\u00fchlt doch mal dem Diskurs in Deutschen Medien zu Prostitution auf den Zahn. Ein m\u00f6glicher Fokus: Die Ausgewogenheit der Standpunkte. Ein anderer m\u00f6glicher Fokus: Die Mechanismen und Forderungen, die an das gemalte Trauerbild aus Ausbeutung und Armut, anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ihr vermutet vielleicht, dass die Themen innerhalb eurer eigenen LeserInnenschaft zu umstritten sind, und ihr einige eurer treuen SpenderInnen verlieren w\u00fcrdet? Dazu f\u00e4llt mir auch nur das Kompliment \u201cGef\u00e4lligkeitsjournalismus\u201d ein \u2013 umstrittene politische Herausforderungen, wie sex workers rights, mal sch\u00f6n tabuisiert lassen, aber f\u00fcr einen regenbogenpresse Artikel zwischen drin kann das Thema Anschaffen ja schon mal herhalten.<\/p>\n<p>Ich bin wirklich froh, dass so viele Leser*innen euch in die Schranken gewiesen haben. Vielleicht gibt euch das ja gen\u00fcgend Selbstvertrauen und R\u00fcckgrat euch auch mal an das Pulverfass der Prostitutionspolitiken dran zu trauen.<\/p>\n<p>Wisst ihr: Die meisten Huren, die ich kenne sind links eingestellt. Das Spektrum reicht von Anarchist*innen \u00fcber Kommunist*innen bis hin zu linken, gr\u00fcnen und\/ oder liberalen Standpunkten. Und ja, leider gibts es auch ein paar, die f\u00fcr meinen Geschmack viel zu wirtschaftsliberal bis hin zu rechtsradikal sind. So what! Sexarbeiter*innen sind nicht automatisch bessere Menschen, genauso wenig wie Leute, die mit anderen Kram ihren Lebensunterhalt verdienen. Und im Endeffekt ist es auch vollkommen wurscht, ob die Personen, die f\u00fcr die AfD in die Parlamente ziehen, erpressbar sind oder nicht: So gro\u00df ist der Unterschied zwischen menschenfeindlichen und menschenverachtenden politischen Positionen am rechten Rand auch wieder nicht. Und gegen Erpressung k\u00f6nnen in Deutschland auch AfDlerInnen rechtlich vorgehen.<br \/>\nWas gar nicht wurscht ist: Wenn ihr dieser Politikerin vorwerfen wollt, dass sie durch ihre Vergangenheit als Sexarbeiterin erpressbar ist, dann unterstellt ihr das automatisch auch allen anderen (ungeouteten Ex)Sexarbeiter*innen. Damit tut ihr uns wirklich Unrecht.<\/p>\n<p>Wenn ihr eine Frau, statt \u00fcber ihre politischen Ansichten, \u00fcber ihre T\u00e4tigkeit als Sexarbeiter*in diskreditiert und das damit rechtfertigt, dass sie das nicht frei heraus erz\u00e4hlt hat &#8211; ernsthaft: Seid ihr noch ganz bei Trost?! &#8211; , dann muss jede (ehemalige) Sexarbeiter*in, die sich k\u00fcnftig \u00f6ffentlich engagiert, bef\u00fcrchten, dass ihr bei ihr dasselbe macht. Und selbst wenn ihr das mit dem Zwangsouting nicht selber umsetzt: Als integres Medium habt ihr durch euren Artikel und eure absolut verfehlten Rechtfertigungen die Messlatte f\u00fcr andere seri\u00f6sen Medien ordentlich heruntergeschraubt. Transparenz ist wichtig. Aber nicht zu jedem Preis! Leider kann ich nur zynisch Fazit ziehen: Vielen Dank auch f\u00fcr diesen ungemeinen B\u00e4rendienst an einer hochstigmatisierten Minderheit!<\/p>\n<p>Eine Geste der Widergutmachung f\u00e4nde ich durchaus sehr angebracht. Vorschl\u00e4ge stehen oben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Workshops, Briefings zur Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen oder dergleichen stehe ich gern zur Verf\u00fcgung oder vermittle kompetente Leute aus Sexarbeit, Aktivismus und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nMarleen<\/p>\n<p>P.S.: Eine geliebte Kollegin hat mir vor vielen vielen Jahren erz\u00e4hlt, dass Cem \u00d6zdemir sinngem\u00e4\u00df mal gesagt haben soll, dass es erst dann Gleichberechtigung g\u00e4be, wenn eine (Ex)Sexarbeiterin* in den Bundestag gew\u00e4hlt wird, und sie ihre Identit\u00e4t nicht davor die ganze Zeit verheimlichen musste. Davon sind wir noch weit entfernt \u2013 und eure Artikel untermalen es auf f\u00fcr Sexarbeiter*innen schmerzhafte Art und Weise.<\/p>\n<p>P.P.S.: Ein Weg Richtung Gleichberechtigung auch f\u00fcr Sexarbeiter*innen f\u00fchrt mMn auch dar\u00fcber, dass Sexarbeiter*innen ein im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verbrieftes Recht bekommen genau gegen solches Zwangsouting inkl Folgen vorzugehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber David Schraven und Georg Kontekakis, liebes CORRECT!V Team, eigentlich les ich ja gern bei euch rein. Vor einigen Tagen musste ich mich aber ernsthaft zusammen rei\u00dfen, um nicht meiner ganzen Wut verbal Platz zu machen. Am 3. 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