{"id":1692,"date":"2016-04-14T11:30:32","date_gmt":"2016-04-14T09:30:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/?p=1692"},"modified":"2017-02-10T23:41:03","modified_gmt":"2017-02-10T22:41:03","slug":"prostschg-praxisfernes-und-diskriminerendes-sondergesetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/en\/prostschg-praxisfernes-und-diskriminerendes-sondergesetz\/","title":{"rendered":"Das ProstSchG &#8211; Ein praxisfernes und diskriminierendes Sondergesetz"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\">[vc_row][vc_column][vc_row_inner][vc_column_inner][vc_column_text]Ich bin alleinerziehende Mutter von 2 Kindern und war die letzten 10 Jahre in der Sexarbeit t\u00e4tig. Ausschlie\u00dflich leben konnte ich davon nie, aber es war immer ein einfacher Zuverdienst, um die Ausgaben f\u00fcr die Familie zu decken und meinen Kindern ein \u201enormales\u201c Leben ohne soziale Ausgrenzung zu erm\u00f6glichen. Staatliche Leistungen wie aufstockendes Hartz4 oder Wohngeld habe ich nie gewollt. Mit der Diskussion um das geplante Gesetz plagten mich aber erneut Existenz\u00e4ngste, die mich dazu bewogen haben, mich langsam aus der Sexarbeit zur\u00fcckzuziehen. Denn ich m\u00f6chte diese G\u00e4ngelei und Diskriminierung durch Zwangsberatung und Anmeldung nicht \u00fcber mich ergehen lassen. Offiziell h\u00f6re ich jedenfalls auf. Inoffiziell werde ich dann mal schauen\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der wichtigste Grundsatz \u2013 und auf dem basiert der vorliegende Gesetzesentwurf genau nicht \u2013 ist, dass die Prostitution zun\u00e4chst <strong>entkriminalisiert<\/strong> werden muss, bevor man daran geht, sie zu <strong>regulieren<\/strong>. Das beudetet, dass Sexarbeit <strong>nicht \u00fcber das Strafrecht<\/strong> geregelt werden darf. Zum selben Ergebnis kam auch Amnesty International im vergangenen Jahr, nachdem die Menschenrechtsorganisation eine zweij\u00e4hrige, umfassende Studie durchgef\u00fchrt hatte, f\u00fcr die Sexarbeiterinnen gerade auch dort befragt wurden, wo Sexarbeit stark reglementiert oder gar verboten ist. Ein Bericht der Vereinten Nationen von 2012, basierend auf Forschung in 48 L\u00e4ndern, stellte dar\u00fcber hinaus fest, dass <strong>Lizensierungs- und Registrierungsmodelle<\/strong> sich als <strong>ineffektiv <\/strong>erwiesen haben bzw. sich nur auf einen <strong>kleinen Anteil<\/strong> von Sexarbeiterinnen positiv auswirkten, denn dort, wo es solche Modelle gibt, arbeitet die \u00fcberwiegende Mehrheit der Sexarbeiterinnen <strong>au\u00dferhalb<\/strong> dieser Regelwerke. Vergleiche mit L\u00e4ndern wie Deutschland haben ergeben, dass sich die Arbeits- und Lebensituation von Sexarbeiterinnen durch eine Legalisierung verbessert, doch die positivsten Ergebnisse liegen aus Neuseeland vor, wo der Schritt zur Entkriminalisierung schon vor fast 13 Jahren endlich gegangen wurde.<\/p>\n<p>Diesen Mut bringen die Autorinnen des Prostituiertenschutzgesetzes nicht auf. Unter dem Vorwand des Schutzes ist das geplante Gestez von vorne bis hinten \u201eausstiegsorientiert\u201c. Dabei wird jedoch mit keiner Silbe erw\u00e4hnt, wie man sich zuk\u00fcnftig Hilfen und Leistungen zum Lebensunterhalt vorstellt. <strong>Hartz 4 ist f\u00fcr viele jetzt schon keine L\u00f6sung<\/strong>. Eben darum w\u00e4hlen ja viele von uns den Weg in die Sexarbeit.<\/p>\n<p>Wenn man denn wirklich helfen wollte, br\u00e4uchte es also <strong>andere Alternativen<\/strong> und praxisnahe Hilfen, anstatt diese Menschen nun eben doch in diese <strong>minimale <\/strong>Grundabsicherung zu schicken. Gerade in Ballungszentren, in denen die Arbeitslosenquote hoch ist, bietet diese minimale Grundabsicherung keine nachhaltige Zukunftsperspektive.<\/p>\n<p>Anstatt nun wie geplant 76,2 Millionen Euro einmalig und anschlie\u00dfend 85 Millionen Euro j\u00e4hrlich diesem B\u00fcrokratiemonster in den Rachen zu werfen, k\u00f6nnten mit dem Geld sinnvolle Projekte finanziert werden, wie z.B. Beratungstellen, Selbsthilfeorganisationen, Transferleistungen und Hilfen f\u00fcr Qualifizierungen f\u00fcr eine berufliche Umorientierung. Ebenso w\u00e4re eine <strong>Sozialkasse<\/strong> f\u00fcr Sexarbeiter ein Segen f\u00fcr viele, denn allein den <strong>Mindestbeitrag f\u00fcr Krankenversicherungen<\/strong> kann sich ein nicht unerheblich gro\u00dfer Teil <strong>schlichtweg nicht leisten<\/strong>.<\/p>\n<p>Mit dem neuen Gesetz w\u00fcrden uns Sexarbeiterinnen un\u00fcberwindbare H\u00fcrden auferlegt werden, anstatt uns die Hilfen anzubieten, auf die wir immer und immer wieder hingewiesen haben. Auch bei unserer Umfrage unter Kolleginnen im Dezember 2015 wurde deutlich, was sich Menschen in der Sexarbeit wirklich w\u00fcnschen und was sie brauchen: einen effektiven Schutz vor Diskriminierung; Schutz vor K\u00fcndigungen im Hauptjob wegen eines Nebenjobs in der Sexarbeit; Hilfe gegen Wuchermieten; mehr Beratungsstellen, und zwar solche, die nicht nur Ausstiegs- sondern auch Einstiegshilfen anbieten; und ein besser Schutz der Anonymit\u00e4t, gerade auch beim Umgang mit Beh\u00f6rden. Das alles bietet das ProstSchG nicht, sondern das ganze Gegenteil, denn es hebelt mal eben auch das Grundgesetz aus. Mit Inkrafttreten des Gesetzes w\u00e4re der Polizei erlaubt, <strong>jede Privatwohnung ohne richterlichen Beschluss zu betreten<\/strong>. Der schlichte Vorwurf der Prostitution w\u00fcrde daf\u00fcr ausreichen.<\/p>\n<p><strong><u>Anmeldung<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Bei unserer Umfrage haben rund ein Drittel der Befragten angegeben, bereits schlechte Erfahrungen mit Beh\u00f6rden gemacht zu haben. Ein ebenso gro\u00dfer Teil gab an, sich aus Angst oder Scham <strong>noch nie bei Beh\u00f6rden geoutet<\/strong> zu haben. Das sind insgesamt also weit \u00fcber die H\u00e4lfte aller Befragen. Umso schlimmer trifft uns daher der Zwang, sich einer fremden Person gegen\u00fcber erkl\u00e4ren und intime Details \u00fcber sich verraten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum es n\u00f6tig sein soll bei der Anmeldung unsere T\u00e4tigkeitsorte mit anzugeben oder sich ggfs. erneut anmelden zu m\u00fcssen, wenn noch weitere St\u00e4dte und L\u00e4nder hinzukommen sollten. Diese Ma\u00dfnahmen sollen es schlicht und ergreifend erm\u00f6glichen, ein Bewegungsprofil anfertigen zu k\u00f6nnen, das vieles verr\u00e4t, aber nichts zu unserem Schutz beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong><u>Konzessionierung<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Anstatt Menschen in der Sexarbeit bei der Selbstorganisation und Schaffung von individuellen Arbeitspl\u00e4tzen zu unterst\u00fctzen wird die Arbeitssituation von selbst\u00e4ndig t\u00e4tigen Sexdienstleistern verschlimmert. Nicht genug, dass man Gro\u00dfbetreibern \u00e0 la Artemis, Pascha und Paradise mit so einem Gesetz die Kontrollbefugnis \u00fcber Sexdienstleister gibt, denn Betreiber m\u00fcssen Anmeldung, Aufenthaltsdauer und andere Details festhalten und an die Beh\u00f6rden weitergeben. Man st\u00e4rkt dar\u00fcber hinaus Betreiber durch ein Gesetz, das es SexarbeiterInnen unm\u00f6glich macht, allein oder mit Kolleginnen organisiert in Apartments zu arbeiten, und treibt sie somit in die H\u00e4nde von genau den Betreibern, die doch so vielen kommunalen Politikern ein Dorn im Auge sind \u2013 nur der Anblick, nat\u00fcrlich, nicht die Steuereinnahmen. Dieses Gesetz gibt vor, uns vor Fremdbestimmung sch\u00fctzen zu wollen, wird jedoch das genaue Gegenteil zur Folge haben: es wird den meisten von uns die M\u00f6glichkeit nehmen, selbstbestimmt und unabh\u00e4ngig arbeiten zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem f\u00f6rdern die Autorinnen, allen voran Ministerin Schwesig, immer wieder die \u201eM\u00e4r des <em>laissez faire<\/em>\u201c f\u00fcr Prostitutionst\u00e4tten und der armen Polizei, die ja gar nichts kontrollieren k\u00f6nnte. Ferner von der Realit\u00e4t geht es nicht. Vielmehr ist es ein Versuch, von der breiten Bev\u00f6lkerung, sprich den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, Zustimmung f\u00fcr diesen Entwurf zu gewinnen, anstatt ihnen zu erkl\u00e4ren, warum 85 Millionen Euro j\u00e4hrlich f\u00fcr Ma\u00dfnahmen locker gemacht werden sollen, die Sexarbeiterinnen <strong>nicht<\/strong> helfen, und den Kommunen, die eh schon knapp bei Kasse sind, erst recht nicht.<\/p>\n<p><strong><u>Stigma<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Dem Gesetzesentwurf fehlt durchweg das Prinzip der <strong>Vorurteilsfreiheit<\/strong>. Stattdessen wird deutlich, dass sich die Autorinnen nicht des mit der Sexarbeit verbundenen Stigmas entledigen konnten, gegen das im \u00dcbrigens seit Inkrafttreten der noch g\u00fcltigen Gesetzgebung <strong>nichts unternommen <\/strong>wude. Stattdessen f\u00f6rdern und verst\u00e4rken die mit dem ProstSchG geplanten Ma\u00dfnahmen dieses Stigma, welches von Sexarbeiterinnen <strong>weltweit<\/strong> immer wieder als Haupterschwernis genannt wird. Die Wortwahl des Gesetzes und die Behauptungen in der Begr\u00fcndung versch\u00e4rfen die existierenden Vorurteile und Klischees, denn wenn Sexarbeit in einem Atemzug mit Kriminalit\u00e4t und sexueller Ausbeutung genannt wird, verfestigt sich dieses Bild in den K\u00f6pfen der Menschen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die die wenigen Sexarbeiterinnen, die sich trauen f\u00fcr unsere Rechte einzutreten, als \u201eprivilegiert\u201c abstempeln,\u00a0 sollten sich eher ihrer Mitschuld an der Stigmatisierung der Sexarbeit bewusst werden, als Gesetze auf den Weg zu bringen, die die Optionen aller Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter schm\u00e4lern anstatt sie zu vermehren. Betroffen werden davon insbesondere die sein, die ohnehin schon zu wenige haben, z.B. Migrantinnen oder Transsexuelle, und t\u00e4glich einer Mehrfach-Diskriminierung ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><u>Fazit<\/u><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Teilnahme am \u201eRunden Tisch Prostitution NRW\u201c habe ich das erste Mal erlebt, dass mit mir geredet wurde. Sonst wird immer nur \u00fcber mich geredet, selbst wenn ich anwesend bin.<\/p>\n<p>Es ist also sehr wohl m\u00f6glich, sich mit den wahren Experten, n\u00e4mlich uns, an einen Tisch zu setzen und L\u00f6sungen zu finden. Tut man das nicht, erh\u00e4lt mal genau das, was das ProstSchG nun ist. Ein praxisfernes und diskriminierendes Sondergesetz, das uns von der gleichberechtigten Teilnahme aus dem Wirtschaftsleben ausschlie\u00dft und uns ein ganzes St\u00fcck weit gesellschaftlich angreifbarer macht.[\/vc_column_text][\/vc_column_inner][\/vc_row_inner][\/vc_column][\/vc_row]\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_row_inner][vc_column_inner][vc_column_text]Ich bin alleinerziehende Mutter von 2 Kindern und war die letzten 10 Jahre in der Sexarbeit t\u00e4tig. Ausschlie\u00dflich leben konnte ich davon nie, aber es war immer ein einfacher Zuverdienst, um die Ausgaben f\u00fcr die Familie zu decken und meinen Kindern ein \u201enormales\u201c Leben ohne soziale Ausgrenzung zu erm\u00f6glichen. 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