{"id":1263,"date":"2015-11-21T21:07:39","date_gmt":"2015-11-21T20:07:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/?p=1263"},"modified":"2015-11-28T23:54:53","modified_gmt":"2015-11-28T22:54:53","slug":"medizinischen-zwangsberatung-schritte-auf-dem-weg-zur-psychiatrisierung-von-sexarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/en\/medizinischen-zwangsberatung-schritte-auf-dem-weg-zur-psychiatrisierung-von-sexarbeit\/","title":{"rendered":"\u201aMedizinische Zwangsberatung\u2018 \u2013 Schritte auf dem Weg zur Psychiatrisierung von Sexarbeit"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag von Fraences auf den <a href=\"http:\/\/www.donacarmen.de\/4-frankfurter-prostitutionstage-2015-einhelllige-ablehnung-des-prostituiertenschutzgesetzes\/\" target=\"_blank\">4. Frankfurter Prostitutionstagen<\/a><\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nliebe Freunde,<\/p>\n<p>bekanntlich plant die Bundesregierung mit ihrem \u201e<strong>Prostituiertenschutzgesetz<\/strong>\u201c, dass Sexarbeiter\/innen sich zuk\u00fcnftig einem Anmeldeverfahren unterwerfen sollen.<br \/>\nDieses Anmeldeverfahren beinhaltet neben einer gesundheitlichen Zwangsberatung auch ein so genanntes &#8220;Informations- und Beratungsgespr\u00e4ch&#8221;, zu dem wir pers\u00f6nlich erscheinen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfte es am allerwenigsten um Information und Beratung gehen. Einige Infos zu den \u00f6rtlichen Sperrgebietsregelungen und die Telefonnummern von Polizei und Beratungsstellen wird man uns in die Hand dr\u00fccken. Kernpunkt des Gespr\u00e4chs aber soll eine \u00dcberpr\u00fcfung unserer &#8220;Einsichtsf\u00e4higkeit&#8221; sein.<br \/>\nK\u00f6nnen wir die &#8220;zu unserem Schutz erforderliche Einsichtsf\u00e4higkeit&#8221; nicht nachweisen, kann man uns zuk\u00fcnftig die Aus\u00fcbung der Prostitution verbieten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1266\" src=\"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/prostituieren-300x154.jpg\" alt=\"prostituieren\" width=\"517\" height=\"265\" \/><\/p>\n<p>Durch dieses Verweigerungsrecht der Beh\u00f6rde verwandelt sich die &#8220;Anmeldepflicht&#8221; de facto in eine &#8220;Erlaubnispflicht&#8221; f\u00fcr Sexarbeit. Wo man auch hinschaut bei diesem Gesetz \u2013 \u00fcberall findet sich Etikettenschwindel.<br \/>\nDie auf uns zukommende Anmeldepflicht ist mehr als eine blo\u00dfe Registrierung \u2013 was f\u00fcr sich genommen schon schlimm genug ist. Es geht dabei auch um eine inquisitorische und \u00fcbergriffige Ausforschung der Betroffenen. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Pr\u00fcfung vorhandener oder nicht vorhandener Einsichten. Es geht um die \u00dcberpr\u00fcfung unserer F\u00e4higkeit zur Einsicht. Mit anderen Worten: ob wir noch ganz dicht sind! Ich halte das f\u00fcr eine anma\u00dfende und grobe Verletzung unseres Pers\u00f6nlichkeitsrechts. Das sollten wir entschieden zur\u00fcckweisen!<\/p>\n<p>Wie will die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde eigentlich feststellen, ob eine Sexarbeiter\/in mit mangelnder Einsichtsf\u00e4higkeit vor ihnen steht? Schauen wir mal in die Begr\u00fcndung des Prostituiertenschutzgesetzes. Dort ist zu lesen (Nachfolgende Zitate aus GE, S. 63\/64, 86), dass es sich dabei um eine Person handelt, die (ich zitiere) \u201enach ihrer pers\u00f6nlichen und sozialen Entwicklung nicht in der Lage ist, die Reichweite und vor allem auch die Risiken der Prostitutionsaus\u00fcbung zu erkennen und nach dieser Einsicht zu handeln.&#8221;<\/p>\n<p>Als Anhaltspunkt f\u00fcr eine mangelhafte &#8220;Einsichtsf\u00e4higkeit&#8221; gilt z. B. (ich zitiere) eine \u201estark ausgepr\u00e4gte Intelligenzminderung\u201c, die mit \u201eemotionaler und sozialer Unreife\u201c einhergeht. Diese kann sich in einer \u201eau\u00dferordentlich psychischen Abh\u00e4ngigkeit\u201c oder in einer \u201eerschwerten Anpassung an die Anforderungen des allt\u00e4glichen Lebens\u201c \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Es bestehe die Gefahr, dass solche Personen sich (ich zitiere) \u201ev\u00f6llig naiv auf eine T\u00e4tigkeit als Prostituierte einlassen\u201c. Sie bes\u00e4\u00dfen \u201eerkennbar sehr naive Motive oder unrealistische Vorstellungen von der T\u00e4tigkeit als Prostituierte\u201c. Es mangelt ihnen \u201eaufgrund psychischer oder geistiger Einschr\u00e4nkungen\u201c an der \u201eausreichenden Einsichtsf\u00e4higkeit\u201c.\u00a0(GE S. 86)<\/p>\n<p>All das kann man nachlesen in der Begr\u00fcndung zum \u201eProstituiertenschutzgesetz\u201c auf den Seiten 63\/64 und 86. Die Rede von den angeblich \u201enicht einsichtsf\u00e4higen Prostituierten\u201c ist neu. Zumindest spielte das in den letzten Jahren und Jahrzehnten keine Rolle. Warum aber jetzt?<br \/>\nWarum braucht das \u201eProstituiertenschutzgesetz\u201c einen solchen Popanz?<br \/>\nWie der Name des Gesetzes besagt, erhebt es den Anspruch uns zu \u201esch\u00fctzen\u201c. Aber daf\u00fcr muss man uns erst einmal f\u00fcr &#8220;schutzbed\u00fcrftig&#8221; erkl\u00e4ren. Bisher galten wir als &#8220;schutzbed\u00fcrftig&#8221;, weil die gro\u00dfe Mehrzahl von uns angeblich gar nicht freiwillig, sondern nur unter &#8220;Zwang&#8221; in der Prostitution arbeitet.<\/p>\n<p>Seit zwei Jahrzehnten erkl\u00e4ren Politiker und Medien landauf landab, dass Sexarbeiter\/innen mehrheitlich &#8220;Zwangsprostituierte&#8221; seien. Die kleine Zahl selbstbestimmter Frauen, die ab und zu mal in den Medien auftreten, sei lediglich die exotische \u201eAusnahme von der Regel\u201c.<br \/>\nDumm ist nur, dass es f\u00fcr die Behauptung der weit verbreiteten &#8220;Zwangsprostitution&#8221; schon seit Jahren keinen verl\u00e4sslichen Nachweis gibt. Schlimmer noch: Polizei und Beratungsstellen gehen zunehmend die vorzeigbaren \u201eOpfer\u201c aus.<\/p>\n<p>So gab es im vergangenen Jahr 2014 bei den drei einschl\u00e4gigen Rotlicht-Delikten \u201eAusbeutung von Prostituierten\u201c, \u201eZuh\u00e4lterei\u201c und \u201eMenschenhandel\u201c zusammen-genommen gerade mal 902 mutma\u00dfliche Opfer. Im Jahr 2000 war diese Zahl noch mehr als viermal so hoch (4.416).<br \/>\nDoch selbst die im Jahr 2014 registrierten 902 \u201eOpfer\u201c stehen nur auf dem Papier der polizeilichen Kriminalstatistik. Es sind nur die von der Polizei vermuteten Opfer. Sie\u00a0werden auf Grund von Anzeigen so eingestuft, ohne dass ein unabh\u00e4ngiges Gericht dar\u00fcber befunden hat, ob sie wirklich \u201eOpfer\u201c sind.<\/p>\n<p>Nimmt man die Dinge, wie sie sich nach der rechtstaatlichen \u00dcberpr\u00fcfung durch ein Gerichtsverfahren darstellen, so kommt man zuletzt \u2013 n\u00e4mlich im Jahr 2013 \u2013 auf gerade mal 94 verurteilte T\u00e4ter bei Rotlichtdelikten.<\/p>\n<p>Seit gut 20 Jahren aber liegt das Verh\u00e4ltnis mutma\u00dflicher \u201eOpfer\u201c zu \u201eTatverd\u00e4chtigen\u201c bei \u201e1 zu 1\u201c. Bei knapp 100 verurteilten T\u00e4tern k\u00e4me man also auf eine Zahl von 100 bis 150 \u201etats\u00e4chlichen Opfer\u201c. Bezieht man diese geringe Zahl auf die 200.000 hierzulande in der Prostitution t\u00e4tigen Frauen, so hei\u00dft das: Mehr als 99 % der Sexarbeiter\/innen arbeiten dort aufgrund selbstgetroffener Entscheidungen, ohne dass t\u00e4glich Zwang auf sie ausge\u00fcbt werden m\u00fcsste. Das ist die Realit\u00e4t. Und an dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung w\u00fcrde sich rein gar nichts \u00e4ndern, wenn man von einem 100-prozentigen Dunkelfeld ausgehen und die Zahl der tats\u00e4chlichen Opfer verdoppeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was den Nachweis angeblich weit verbreiteter \u201eZwangsprostitution\u201c betrifft, so hat die Polizei also auf ganzer Linie versagt. Auch zehn weitere \u201eTatorte\u201c k\u00f6nnen an diesen Fakten nichts \u00e4ndern.<br \/>\nWenn sich aber die Schutzbed\u00fcrftigkeit aufgrund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde \u2013 wie etwa &#8220;Zwang&#8221; durch &#8220;Zuh\u00e4lter&#8221; und &#8220;Menschenh\u00e4ndler&#8221; \u2013 immer weniger belegen l\u00e4sst, m\u00fcssen andere Vorw\u00e4nde als Rechtfertigung herhalten f\u00fcr eine beh\u00f6rdlich-polizeiliche Dauer\u00fcberwachung der Prostitution. Deshalb die Erfindung der angeblich \u201emangelnden Einsichtsf\u00e4higkeit\u201c von Sexarbeiter\/innen. Statt um messbare \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde handelt es sich hierbei um eine kaum objektiv \u00fcberpr\u00fcfbare \u201einnere Bef\u00e4higung\u201c.<\/p>\n<p>Deutlich wird hier: Nicht mehr &#8220;Zuh\u00e4lter&#8221; oder &#8220;Menschenh\u00e4ndler&#8221; sind hier das Problem, sondern die Sexarbeiterin selbst wird hier zum Problem erkl\u00e4rt! Das Klima \u00e4ndert sich \u2026<br \/>\nAllein 5 der 39 Paragrafen des \u201eProstituiertenschutzgesetzes\u201c nehmen Bezug auf die neu erfundene Gruppe von Sexarbeiter\/innen mit angeblich &#8220;mangelnder Einsichtsf\u00e4higkeit&#8221;. Es scheint der Regierung also durchaus wichtig zu sein. (\u00a7 5 (\u201eAnmeldebescheinigung\u201c), \u00a7 8 (\u201eMa\u00dfnahmen bei Beratungsbedarf\u201c), \u00a7 21 (\u201eR\u00fccknahme und Widerruf der Erlaubnis\u201c), \u00a7 23 (\u201eBetriebskonzept f\u00fcr Prostitutionsgewerbe\u201c) und \u00a7 25 (\u201eAuswahl der im Betrieb t\u00e4tigen Personen; Besch\u00e4ftigungsverbote\u201c))<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Aber wie wichtig ist das f\u00fcr uns Sexarbeiter\/innen?<\/h3>\n<p>Ich kann mir gut vorstellen, dass viele sich sagen: \u201eBetrifft mich nicht. Ich bin schon lange genug im Gewerbe, mir kann keiner ein X f\u00fcr ein U vormachen. Betrifft vielleicht ausl\u00e4ndische und j\u00fcngere Prostituierte, die keinen Durchblick haben. Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die erst mal nicht in der Prostitution arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Klar, kann man so sehen. Nur ist die dahinter stehende Vorstellung, es betr\u00e4fe nur eine kleine ausgew\u00e4hlte Gruppe, schon im Ansatz falsch.<br \/>\nWerft einfach mal einen Blick in die Gesetzesbegr\u00fcndung. Dort steht in Bezug auf das Prostitutionsgewerbe, es sei eine Tatsache, dass (ich zitiere)<\/p>\n<blockquote><p>\u201edie in diesem Bereich T\u00e4tigen belegbar erheblichen psychischen und physischen Gef\u00e4hrdungen ausgesetzt sind\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Weiter hei\u00dft es (ich zitiere):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs ist dar\u00fcber hinaus eine soziale Realit\u00e4t, dass viele Prostituierte sich in einer sozialen und psychischen Situation befinden, in der es fraglich ist, ob sie sich wirklich frei und autonom f\u00fcr oder gegen diese T\u00e4tigkeit entscheiden k\u00f6nnen.\u201c\u00a0\u00a0(GE, S. 32)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Klartext hei\u00dft das: Nicht einige wenige, sondern mehr oder weniger <strong>alle in der Prostitution T\u00e4tigen<\/strong> werden verd\u00e4chtigt, sich aufgrund starker psychischer Belastung nicht wirklich frei entscheiden zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDas Prostitutionsgesetz von 2002 hat uns \u2013 zumindest auf dem Papier &#8211; noch \u201eSelbstbestimmung\u201c zugetraut. Heute wird im &#8220;Prostituiertenschutzgesetz&#8221; nur noch von Selbstbestimmung und Freiwilligkeit gesprochen, um sie in Zweifel zu ziehen. Mittlerweile haben wir eine \u201eBeweislastumkehr\u201c. Das hei\u00dft:<\/p>\n<ol>\n<li>Unsere Selbstbestimmung wird in Zweifel gezogen und<\/li>\n<li>Wir selbst sind es, die belegen m\u00fcssen, dass wir noch richtig ticken.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das ist die <strong>Logik der Zwangsberatung<\/strong> nach dem neuen &#8220;Prostituiertenschutzgesetz&#8221;!<\/p>\n<h3>Wie konnte es zu dieser Umkehr der bisherigen Sichtweise kommen?<\/h3>\n<p>Werfen wir einen kurzen Blick zur\u00fcck. In den vergangenen Jahren kam kaum ein Artikel, kaum eine Talkshow ohne die Frage aus: \u201eIst Prostitution ein Beruf wie jeder andere?\u201c<br \/>\nSchon die Frage war unsinnig. Bekanntlich ist jeder Beruf anders als jeder andere Vergleichsberuf. Aber das hinderte nicht, dass die Frage immer wieder gestellt wurde mit dem absehbaren Ergebnis, dass Prostitution selbstverst\u00e4ndlich anders als andere Berufe sei.<\/p>\n<p>Wie ein Mantra geisterte die Formel \u201eProstitution ist kein Beruf wie jeder andere\u201c durch die Debatten und signalisierte das nach wie vor bestehende Abgrenzungsbed\u00fcrfnis gegen\u00fcber Prostitution. Zugleich lie\u00df sich damit die insgesamt halbherzige Legalisierung von 2002 rechtfertigen, die sie strafrechtliche Reglementierung und damit die rechtliche Ungleichbehandlung in vielen Bereichen beibehielt.<\/p>\n<p>Doch etwa 2013 nahm diese Diskussion eine Wende: Prostitution gilt nicht l\u00e4nger als ein andersartiger Beruf, sondern zunehmend als ein nicht \u201enormaler\u201c Beruf! Der n\u00e4chste Schritt war geradezu logisch: Wenn die T\u00e4tigkeit Prostitution nicht \u201enormal\u201c ist, wie k\u00f6nnen dann die Prostituierten, die diese T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, noch als &#8220;normal&#8221; gelten?<\/p>\n<p>Die steile These, Prostitution sei kein &#8220;normaler Beruf&#8221;, kommt insbesondere aus der Ecke derjenigen, die sich f\u00fcr das &#8220;Schwedische Modell&#8221; der Freierbestrafung stark machen und behaupten, sie seien nur gegen das &#8220;System der Prostitution&#8221;, nicht aber gegen Prostituierte. Diese Logik war schon immer verlogen. Es sind Leute, die nicht davor zur\u00fcckschrecken, Prostituierte solange zu stigmatisieren, bis sie wieder Insassen psychiatrischer Kliniken sind.<\/p>\n<p>Das ist keineswegs eine \u00dcbertreibung. Schaut Euch einmal an, was Vertreter\/innen der Bewegung &#8220;Stopp Sexkauf&#8221; auf der Website www.trauma-and-prostitution.eu \u00fcber Sexarbeiter\/innen verbreiten!<br \/>\nIch greife an dieser Stelle nur einige ihrer Wortf\u00fchrerinnen heraus.<\/p>\n<h3>Dr. Ingeborg Kraus<\/h3>\n<p>Zu den Erstunterzeichner\/innen des Aufrufs &#8220;Stopp Sexkauf&#8221; geh\u00f6rt Dr. Inge-borg Kraus. Sie ist Psychotherapeutin in Karlsruhe, schreibt gerne in der EMMA und ist Initiatorin des \u201eKarlsruher Appells\u201c f\u00fcr die Abschaffung von Prostitution. Sie wird inzwischen von den international vernetzten Prostitutionsgegnern von einer Fachtagung zur n\u00e4chsten herumgereicht: Montreal, New York, Madrid, M\u00fcnchen.<br \/>\nWas hat diese Frau \u00fcber uns Sexarbeiter\/innen zu sagen?<\/p>\n<p>Prostitutionsaus\u00fcbung \u2013 so Frau Kraus \u2013 kann gar nicht auf einer eigenst\u00e4ndigen und bewusst getroffenen, also freiwilligen Entscheidung beruhen. Denn Prostitution ist nichts anderes als eine \u201eRe-Inszenierung psychischer Traumata\u201c, die Sexarbeiter\/innen in ihrer Kindheit erlebt haben. Prostitutionsaus\u00fcbung sei nichts anderes als eine &#8220;posttraumatische Folgest\u00f6rung&#8221; und ein &#8220;selbstverletzendes Verhalten&#8221;. Der \u00fcberwiegende Teil der Prostituierten habe Biografien mit entsprechenden Vorbelastungen. Dazu z\u00e4hlten insbesondere k\u00f6rperliche und\u00a0sexuelle Misshandlungen. Prostituierte seien also von Anfang an &#8220;Opfer&#8221;, und sie bleiben es, weil sie sich zwanghaft immer aufs Neue Misshandlungen aussetzen.<br \/>\nDas w\u00fcrden Prostituierte nur nicht zugeben. Denn sie h\u00e4tten eine &#8220;gest\u00f6rte Wahrnehmung der eigenen Gef\u00fchle&#8221;.<\/p>\n<p>Prostituierte sind allesamt traumatisiert. Sie waren als Kinder hilflos bestimmten Situationen ausgeliefert, in die sie sich als Erwachsene nunmehr aus Wiederholungs-zwang begeben, um ihren Ausgangskonflikt \u2013 diesmal unter den Bedingungen von Macht und Kontrolle \u2013 st\u00e4ndig neu zu inszenieren, um so die urspr\u00fcngliche trauma-tische Ohnmacht zu \u00fcberwinden. Diese \u00dcberwindung sei jedoch nur scheinbar. Denn sie sei mit einer \u201eAbspaltung von Gef\u00fchlen\u201c verbunden \u2013 was &#8220;Dissoziation&#8221; genannt wird. Nur dadurch seien Situationen, die mit Ekel und Angst verbunden seien, zu ertragen.<\/p>\n<p>In einem Beitrag, den Dr. Ingeborg Kraus im M\u00e4rz 2014 auf einer Podiumsdiskussion in M\u00fcnchen gemacht hat, erkl\u00e4rte sie (ich zitiere):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIm Moment der Dissoziation, z. B. wenn man Ekel und Schmerz ausblenden muss, findet eine Art Hirnfreezing statt, das einen aber auch handlungs-unf\u00e4hig macht, d.h. man kann keine Grenzen ziehen und nicht mehr Nein sagen. Fatal f\u00fcr Frauen, die sich einer Horde M\u00e4nner gegen\u00fcber befinden, die f\u00fcr eine Gang-Bang-Party bezahlt haben. Die Frage ist: Wollen wir das, was definitiv zur Prostitution dazugeh\u00f6rt, zu einem normalen Beruf f\u00fcr Frauen erkl\u00e4ren?\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(Dr. Ingeborg Kraus, Prostitution als Reinszenierung erlebter Traumata, zitiert nach: <a href=\"http:\/\/www.donotlink.com\/hf9l\" target=\"_blank\">trauma-and-prostitution.eu<\/a>)<\/p>\n<p>Bereits 2013 beschrieb Frau Kraus in EMMA Prostitution als einen \u201eAkt des Selbsthasses und der Selbstsch\u00e4digung\u201c. Prostituierte h\u00e4tten keine funktionierenden Selbstschutzmechanismen, sondern praktizieren nur \u201edysfunktionale Versuche, sich selbst zu sch\u00fctzen\u201c: \u201eVor diesem Hintergrund muss das Konzept der Freiwilligkeit in der Prostitution und die Darstellung als normale T\u00e4tigkeit in Frage gestellt werden.\u201c\u00a0(Dr. Ingeborg Kraus, Prostitution und Freiwilligkeit, zitiert nach:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.donotlink.com\/hf9n\" target=\"_blank\">trauma-and-prostitution.eu<\/a>)<\/p>\n<p>Mit Bezug auf die Hirnforschung erkl\u00e4rt Frau Kraus mittlerweile, dass Trauma-Erfahrungen zu \u201ehirnorganischen Ver\u00e4nderungen\u201c f\u00fchren, zu einem \u201eEinfrieren des Gehirns\u201c Mit anderen Worten: Sexarbeiter\/innen haben einen an der Waffel. Gleichzeitig habe die biologische Trauma-Forschung herausgefunden, dass das\u00a0\u201eerneute Aufsuchen von Gewalt\u201c mit einer \u201eendogenen Opioid-Aussch\u00fcttung\u201c verbunden sei, was beruhigende Wirkung habe.<br \/>\nDamit hat diese traumapsychologisch vorgebildete Prostitutionsgegnerin uns endlich eine hirnorganische Erkl\u00e4rung daf\u00fcr geliefert, warum Sexarbeiter\/innen nicht den Ratschl\u00e4gen wohlmeinender Feministinnen folgen und die Prostitution an den Nagel h\u00e4ngen:<br \/>\nSie sind geistig nicht ganz zurechnungsf\u00e4hig, sie ticken nicht richtig.<\/p>\n<p>An die Stelle des Zwangs durch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde wie \u201eZuh\u00e4lter\u201c und \u201eMenschen-h\u00e4ndler\u201c tritt nun der \u201einnere Zwang\u201c, dem offensichtlich s\u00e4mtliche Prostituierte folgen: ihr geradezu unheimlicher Hang, \u201esich immer wieder erneut Misshandlungen auszusetzen\u201c.<br \/>\nDie im neuen \u201eProstituiertenschutzgesetz\u201c vorgesehene \u00dcberpr\u00fcfung der \u201eEinsichtsf\u00e4higkeit\u201c von Sexarbeiter\/innen macht vor diesem Hintergrund durchaus Sinn. Sie k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise nicht einige wenige, sondern uns alle betreffen.<\/p>\n<h3>Michaela Huber<\/h3>\n<p>Dr. Ingeborg Kraus ist mit ihren Ansichten nicht alleine. Sie hat im September 2014 einen Aufruf von \u201ePsychotherapeuten\/innen gegen Prostitution\u201c ins Leben gerufen. Den findet man ebenfalls auf der Website <a href=\"http:\/\/www.donotlink.com\/ctdt\" target=\"_blank\">&#8220;Trauma and Prostitution&#8221;<\/a>.<br \/>\nZu den Erst-Unterzeichner\/innen z\u00e4hlen neben einigen namhaften Professoren aus der Trauma-Branche auch Michaela Huber, Diplom-Psychologin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Trauma und Dissoziation.<\/p>\n<p>Auf der genannten Website findet man von ihr einen Vortrag mit dem Titel \u201eTrauma und Prostitution aus traumatherapeutischer Sicht\u201c.\u00a0(Michaela Huber, Trauma und Prostitution aus traumatherapeutischer Sicht, zitiert nach:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.donotlink.com\/hf9o\" target=\"_blank\">trauma-and-prostitution.eu<\/a>)<\/p>\n<p>Darin legt Frau Huber dar, dass Prostituierte bereits in der Kindheit \u201ebindungstraumatisiert\u201c seien, sexueller Gewalt ausgesetzt oder anderen zur sexuellen Ausbeutung \u00fcberlassen waren. Die Folge sei \u201emangelnder Selbstschutz\u201c. Der Schritt hin zu einem \u201eProstituierten-schutzgesetz\u201c versteht sich dann wie von selbst.<\/p>\n<p>Laut Michaela Huber handeln Sexarbeiter\/innen gegen die Natur des Menschen. Denn das Zulassen einer st\u00e4ndigen Penetration des eigenen K\u00f6rpers sei nur m\u00f6glich durch ein \u201eAbschalten nat\u00fcrlicher Ph\u00e4nomene\u201c wie Angst, Scham, Ekel und\u00a0Verachtung. An die Stelle solcher &#8220;nat\u00fcrlicher Reaktionen&#8221; tritt ein \u201eUmdefinieren der Handlungen in eine &#8220;Arbeit&#8221; oder &#8220;Dienstleistung&#8221;\u201c.<\/p>\n<p>Ein Trauma, so Frau Huber, bedeutet ferner, dass &#8220;die integrative Funktion des Gehirns \u00fcberfordert ist&#8221;. Es kommt zu &#8220;gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen St\u00f6rungen&#8221;. &#8220;Viele Menschen suchen die Trauma-nahe Situation immer wieder auf, weil sie nicht (ausreichend) aus Erfahrung lernen.&#8221;<br \/>\nWer also \u2013 wie wir Sexarbeiter\/innen &#8211; unf\u00e4hig ist, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen, wer sich also nicht selbst sch\u00fctzen kann, der muss eben gesch\u00fctzt werden. Im Zweifel durch ein &#8220;Prostituiertenschutzgesetz&#8221; \u2026<\/p>\n<p>Michaela Huber ist nicht irgendwer. Sie war von 1978 bis 1983 war sie Redakteurin bei der Zeitschrift \u201ePsychologie heute\u201c und erhielt 2008 das Bundesverdienstkreuz f\u00fcr ihr gro\u00dfartiges Engagement f\u00fcr schwer traumatisierte Menschen.<br \/>\n2011 erhielt sie den Bertha-Pappenheim-Preis \u201ef\u00fcr besonders verdienstvolle und wirkungsvolle nationale und internationale Beitr\u00e4ge und Publikationen zur Verbes-serung der Situation von Frauen mit einer dissoziativen Identit\u00e4tsst\u00f6rungen\u201c. Der Preis wird im \u00dcbrigen verliehen von der \u201eDeutschen Gesellschaft f\u00fcr Trauma und Dissoziation e.V.\u201c, deren Vorsitzende Frau Huber ist. Sie hat sich den Preis sozusagen selbst verliehen. Das nur als Anmerkung, wie diese Leute selbst ticken\u2026<\/p>\n<p>Man fragt sich nat\u00fcrlich, worauf Leute wie Kraus und Huber ihre Einsichten st\u00fctzen.<br \/>\nIn der Regel verweisen solche Leute auf ihre \u201elangj\u00e4hrigen psychotherapeutischen Erfahrungen\u201c. So schrieb etwa Kraus in EMMA (2013):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn meiner langj\u00e4hrigen psychotherapeutischen Erfahrung habe ich auch Prostituierte begleitet und die Hintergr\u00fcnde kennengelernt, die diese Frauen in die Prostitution gef\u00fchrt haben. Es wurde dabei deutlich, dass die Prostitution in allen F\u00e4llen die Fortsetzung von Gewalterfahrungen in ihrer Biographie war.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch Michaela Huber bezieht sich auf \u201eErfahrungen aus Beratung und Psychotherapie\u201c.<\/p>\n<p>Ich mag nicht ausschlie\u00dfen, dass es unter Sexarbeiter\/innen solche Biografien mit Gewalterfahrungen im Vorfeld von Prostitution gibt. Aber ich sage in aller Deutlichkeit:<br \/>\nDer R\u00fcckschluss von Einzelf\u00e4llen der psychotherapeutischen Beratungspraxis auf eine Gesamtbewertung des Berufs Prostitution ist unzul\u00e4ssig und unseri\u00f6s.<br \/>\nHier wird ein ganzer Berufsstand unter Missbrauch wissenschaftlicher Reputation aus ziemlich durchschaubaren Motiven f\u00fcr krank bzw. krankhaft erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde man von Wissenschaftlern halten, die aufgrund der Aussagen einiger Dutzend Ehefrauen, die einen Therapeuten aufsuchen, die Abschaffung von Ehe und Familie fordern. Sie w\u00fcrden nicht f\u00fcr voll genommen, ihre Karriere w\u00e4re beendet.<br \/>\nNur bei Prostitution ticken die Uhren bekanntlich mal wieder anders: Gerade das Abweichen von wissenschaftlichen Standards scheint hier als besonders seri\u00f6s zu gelten.<\/p>\n<p>Um bei dem Nachweis f\u00fcr die seelischen Sch\u00e4den, die angeblich durch Prostitution entstehen, nicht nur auf eigene Therapieerfahrungen und auf die weltweit pr\u00e4sentierten f\u00fcnf bis zehn Aussteigerinnen angewiesen zu sein, verweist man auf wissenschaftliche Studien, die belegen sollen, dass Prostitution nur eine zwanghafte Fortsetzung fr\u00fchkindlicher Gewalterfahrungen sei.<\/p>\n<h3>Studie von Sybille Zumbeck<\/h3>\n<p>In Deutschland gibt es tats\u00e4chlich eine empirische Untersuchung zu posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen im Zusammenhang mit Prostitution. Sie ist aus dem Jahr 2001 und stammt von der Hamburger Psychologin Sybille Zumbeck. Es ist die bislang einzige Studie zu diesem Thema in Deutschland.\u00a0(Sybille Zumbeck, Die Pr\u00e4valenz traumatischer Erfahrungen, posttraumatischer Belastungsst\u00f6rungen und Dissoziation bei Prostituierten, Hamburg 2001)<\/p>\n<p>Sie kommt zu dem Ergebnis, dass 98 % der Befragten mindestens ein Trauma erlebt haben und immerhin 59 % der befragten Prostituierten eine \u201eposttraumatische Belastungsst\u00f6rung\u201c h\u00e4tten.<br \/>\nDas sei wesentlich mehr als beim Durchschnitt der Gesamtbev\u00f6lkerung. Stimmt es also doch, was die Prostitutionsgegnerinnen \u00fcber den Zusammenhang von Traumatisierung und Prostitution behaupten? Haben sie die Fakten auf ihrer Seite?<\/p>\n<p>Vertreter\/innen der &#8220;Stopp Sexkauf&#8221;-Bewegung verweisen gerne auf die eben genannten Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse. Ansonsten aber erf\u00e4hrt man von ihnen wenig \u00fcber die genannte Untersuchung. Deswegen vier kurze Anmerkungen an dieser Stelle:<br \/>\n<strong>Punkt 1:<\/strong><br \/>\nBefragt wurden in der besagten Untersuchung nur eine geringe Zahl von Frauen, n\u00e4mlich lediglich 54 Frauen.<br \/>\n<strong>Punkt 2:<\/strong><br \/>\nUm sich vor den von ihr bef\u00fcrchteten \u00dcbergriffen von Zuh\u00e4ltern und Freiern zu sch\u00fctzen, wagte es die Psychologin \u2013 wie sie schreibt \u2013 nicht, die Sexarbeiter\/innen\u00a0an ihren Arbeitspl\u00e4tzen aufzusuchen. Sie ging daher zu mehreren Hamburger Fachberatungsstellen. Diese hatten es jedoch haupts\u00e4chlich mit drogenabh\u00e4ngigen Beschaffungsprostituierten zu tun.<br \/>\n<strong>Punkt 3:<\/strong><br \/>\nDie Folge war: 39 der insgesamt 54 von Frau Zumbeck befragten Frauen waren Drogenabh\u00e4ngige, die st\u00e4ndig Heroin und Kokain konsumierten. Das waren 72 % ihrer Stichprobe. Diese Frauen bezeichneten sich selbst nicht als \u201eProstituierte\u201c und sie verstanden sich auch nicht als solche. Zumbeck wusste aber aus vorherigen Studien von Melissa Farley in San Francisco, dass man bei drogenabh\u00e4ngigen Prostituierten die h\u00f6chsten Werte an traumatischen Belastungen finden k\u00f6nne.<br \/>\n<strong>Punkt 4:<\/strong><br \/>\nZumbeck hatte letztlich nur 11 professionelle Prostituierte in ihrer Befragung. Hinzu kam, dass nur 42 der 54 Frauen aktiv in der Prostitution t\u00e4tig waren. 12 weitere bereits aus der Prostitution ausgestiegene Frauen nahm sie in die Untersuchung auf, weil ansonsten ihre Stichprobe zu gering gewesen w\u00e4re.<br \/>\nBei all dem mochte die Verfasserin nicht ausschlie\u00dfen, \u201edass die Angaben zu Traumaerfahrungen durch die Drogenwirkung beeinflusst werden.\u201c\u00a0(S. 60)<\/p>\n<p>Solche Forschungen zu Prostitution sind einfach nur haarstr\u00e4ubend. Mehrfach musste Sybille Zumbeck darauf verweisen, dass ihre Untersuchung in Anbetracht der genannten Umst\u00e4nde nicht als repr\u00e4sentativ gelten k\u00f6nne. Das hinderte Vertreter\/innen der &#8220;Stopp Sexkauf&#8221;-Bewegung jedoch nicht, ihre Zahlen als Beleg f\u00fcr die angeblichen Sch\u00e4den durch Prostitution ins Feld zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine weitere Feststellung von Sybille Zumbeck bleibt unerw\u00e4hnt. Sie schrieb: Studien \u00fcber das Ausma\u00df von Trauma-Erfahrungen bei Prostituierten k\u00f6nnten zwar zu derartigen Belastungen Angaben machen. Aber damit lie\u00dfe sich kein Zusammenhang begr\u00fcnden zwischen Kindheits-Traumata und Prostitution im Erwachsenenalter. Aussagen \u00fcber einen solchen Zusammenhang, wie ihn heute Leute wie Frau Kraus und Frau Huber behaupten, bezeichnete Zumbeck als blo\u00dfe \u201eVermutung\u201c bzw. \u201eSpekulation\u201c.\u00a0(Vgl. S. 127. 131)<\/p>\n<p>Genau solche \u201eVermutungen\u201c und \u201eSpekulationen\u201c aber haben heute Hochkonjunktur. Sexarbeiter\/innen werden als von zwanghaften Impulsen getriebene, ohne Selbstschutzmechanismen handelnde Personen beschrieben. Sie werden als krankhaft portraitiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>SOLWODI<\/h3>\n<p>Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn die bundesweit agierende katholische Anti-Prostitutions-Organisation SOLWODI in ihrem \u201eRundbrief M\u00e4rz 2015\u201c dem Leiter des Zentrums f\u00fcr Psychotraumatologie und Traumatherapie, Lutz-Ulrich Besser, die Frage stellte: \u201eK\u00f6nnen diese Frauen geheilt werden?\u201c.<br \/>\nNat\u00fcrlich k\u00f6nne man das heutzutage behandeln, erkl\u00e4rte Besser. Wer Genaueres wissen m\u00f6chte, sei auf einen Artikel von Dr. Wolfgang W\u00f6ller, \u00c4rztlicher Leiter der Abteilung II des Rhein-Klinik-Krankenhauses f\u00fcr psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bad Honnef verwiesen \u2013 nachzulesen auf der schon erw\u00e4hnten Website der Prostitutionsgegner &#8220;trauma-and-prostitution&#8221;.<\/p>\n<p>Auch Dr. W\u00f6ller geht davon aus, dass Personen mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit immer \u201eh\u00e4ufiger zur Prostitution\u201c gelangen. Ausgehend von der Theorie der quasi suchtartigen Abh\u00e4ngigkeit der Betroffenen von st\u00e4ndigen Versuchen einer Re-Traumatisierung erg\u00e4ben sich Konsequenzen \u201eim Hinblick auf eine medikament\u00f6se Prophylaxe\u201c. Als therapeutischen Ansatz zur Pr\u00e4vention von Reviktimisierung empfiehlt W\u00f6ller (ich zitiere) \u201edie Gabe von Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (Antidepressiva) zur Verbesserung der Emotionsregulierung\u201c.<\/p>\n<p>All das sind untr\u00fcgliche Indizien daf\u00fcr, dass wir l\u00e4ngst auf dem Weg zu einer Psychiatrisierung von Sexarbeit sind.<br \/>\nIn einem SOLWODI-Rundbrief aus diesem Jahr zum 30-j\u00e4hrigen Bestehen dieser Organisation konnte man erfahren, dass aus Sicht von SOLWODI ein konventionelles Frauenhaus traumatisierten Prostituierten nicht mehr genug Schutz bieten k\u00f6nne. SOLWODI dr\u00e4ngt daher auf ein besseres spezialisiertes Therapieangebot:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin spezialisiertes Therapieangebot f\u00fcr betroffene Frauen gibt es bisher in Rheinland-Pfalz nicht. Um das zu \u00e4ndern, haben sich nun das Landeskrankenhaus in Andernach, die Rheinhessen-Fachklinik Alzey und SOLWODI zusammengefunden. Gemeinsam wollen Psychologen, \u00c4rzte und Fachberaterinnen ein eigenes Behandlungskonzept entwickeln, speziell auch f\u00fcr Migrantinnen mit Traumafolgest\u00f6rungen. Denn nur, wenn Panik- und Angstattacken, selbstverletzendes Verhalten, Depressionen und andere psychische St\u00f6rungen als Folge der Prostitution verstanden, anerkannt und behandelt werden, k\u00f6nnen die Frauen ein Leben in W\u00fcrde und Freiheit aufbauen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Beide Einrichtungen, mit denen SOLWODI hier kooperiert haben eine braune Vergangenheit. Es ist dokumentiert \u2013 was im Falle von Andernach bis in die 60er \u00a0Jahre hinein geleugnet wurde \u2013, dass diese Einrichtung unter den Nazis an Programmen zur Vernichtung sogenannten \u201elebensunwerten Lebens\u201c beteiligt waren!<\/p>\n<p>SOLWODI hat mit dieser Vergangenheit offenbar kein Problem. Unbeanstandet konnte der Psychotherapeut Lutz Besser im \u201eSolwodi-Rundbrief M\u00e4rz 2015\u201c erkl\u00e4ren, dass <strong>&#8220;Prostitution in hohem Ma\u00dfe asozial&#8221; sei<\/strong>. Das ist O-Ton Nazis. Und nat\u00fcrlich findet sich dieses Interview auch auf der Website der Prostitutionsgegner von &#8220;Stopp Sexkauf&#8221;.\u00a0(\u201eDer Mensch wird entmenschlicht\u201c, Interview mit Lutz-Ulrich Besser, siehe: <a href=\"http:\/\/www.donotlink.com\/hf9p\" target=\"_blank\">trauma-and-prostitution.eu<\/a>)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1265 size-large\" src=\"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-1024x525.jpg\" alt=\"asozial-prostitution\" width=\"950\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-1024x525.jpg 1024w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-330x169.jpg 330w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-1920x985.jpg 1920w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-736x378.jpg 736w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-1280x657.jpg 1280w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-768x394.jpg 768w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution-414x212.jpg 414w, https:\/\/www.voice4sexworkers.com\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/asozial-prostitution.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 950px) 100vw, 950px\" \/><\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Meiner Meinung nach muss man die von der Bundesregierung geplante gesundheitliche Zwangsberatung f\u00fcr Sexarbeiter\/innen sowie das im &#8220;Prostituiertenschutzgesetz&#8221; vorgesehene &#8220;Informations- und Beratungsgespr\u00e4ch&#8221; mit der \u00dcberpr\u00fcfung der &#8220;Einsichtsf\u00e4higkeit&#8221; von Sexarbeiter\/innen vor dem Hintergrund der hier dargestellten Tendenzen sehen. Nicht nur der Beruf Prostitution, sondern auch alle darin T\u00e4tigen sollen als &#8220;krankhaft&#8221;, als &#8220;anormal&#8221; und &#8220;asozial&#8221; dargestellt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden.<\/p>\n<p>Das sollten wir uns nicht bieten lassen! Deswegen sage ich:<br \/>\nDas so genannte &#8220;Prostituiertenschutzgesetz&#8221; muss weg!<br \/>\nLasst uns gemeinsam daf\u00fcr eintreten.<\/p>\n<p>Vielen Dank\u00a0f\u00fcr Eure Aufmerksamkeit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Fraences auf den 4. Frankfurter Prostitutionstagen Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, bekanntlich plant die Bundesregierung mit ihrem \u201eProstituiertenschutzgesetz\u201c, dass Sexarbeiter\/innen sich zuk\u00fcnftig einem Anmeldeverfahren unterwerfen sollen. 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Frankfurter Prostitutionstagen Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, bekanntlich plant die Bundesregierung mit ihrem \u201eProstituiertenschutzgesetz\u201c, dass Sexarbeiter\/innen sich zuk\u00fcnftig einem Anmeldeverfahren unterwerfen sollen. Dieses Anmeldeverfahren beinhaltet neben einer gesundheitlichen Zwangsberatung auch ein so genanntes &#8220;Informations- und Beratungsgespr\u00e4ch&#8221;, zu dem wir pers\u00f6nlich erscheinen m\u00fcssen. 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