Im Gespräch mit Brigitte Obrist

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Edition F hat einen 25 Frauen Award ins Leben gerufen. Insgesamt 750 Frauen wurden vorgeschlagen. In die engere Auswahl von 50 Frauen kam auch Brigitte Obrist. Die Voting-Phase für alle ist jetzt zwar schon rum, aber das ist kein Grund diese starke Sexarbeiterin und Aktivistin nicht vorzustellen. Bis zu Endauswahl am 14. Juli drücken wir ihr auf jeden Fall noch die Daumen

Sehr überrascht war Brigitte Obrist, als sie von der Nominierung der Endauswahl des 25 Frauen Awards erfuhr. Wer sie vorgeschlagen hat, weiß sie nicht. Die Macherinnen von Edition F hatte sie erst kurz zuvor kennen gelernt, als sie auf das Podium zu dem Kinofilm „Much Loved“ in Bern eingeladen wurde. Der Film spiegelte lediglich gängige Klischees über Sexarbeit wider und stellte die Prostituierten viel zu vulgär dar. Als sie Abends heim kam, erhielt sie die Nachricht der Nominierung.
Auf facebook ereiferte sich daraufhin wohl irgendeine Abolitionistin, was einen ihrer Freunde sehr irritierte.
Geoutet hat sich Britgitte Obrist Anfang der 90er Jahre. Damals, als noch ein deutlich liberalerer Wind durch die Staaten Europas wehte. Heutezutage würde sie das nicht mehr tun.

Brigitte Obrist hatte sich in Zürich ein Haus zum Arbeiten gemietet. Anwesend war sie von 10 Uhr vormittags bis 23 Uhr abends. Privatsender gabs noch keine, dafür hatte sie viel Zeit zum Lesen, eines ihrer Hobbies. Brigitte bezeichnet sich selbst als Wissensjunkie, sie lese gern Sachbücher zur Juristerei, für mich eine eher befremdlich anmutende Leidenschaft. Ende der 1980er zur Hochphase von HIV und dem Beginn der Präventionskampagnen hatte sie einen Zettel des Bundesamts für Gesundheit zur Aidsauflärung in ihrem Briefkasten. Die drei Risikogruppen: Homosexuelle Männer, Drogennutzer_innen und Prostituierte. Dabei waren Kondome gang und gäbe und nur wenige Freier fragten nach Sex ohne Gummi. Und dennoch, dass damit alle Prostituierten als „Risikogruppe“ bezeichnet wurden, ärgerte sie so sehr, dass das der Anstoß zu ihrem politischen Aktivismus war.

1988 wurde sie in der Arbeitsgruppe der Beratungsstelle Xenia in Bern aktiv. „Der Beobachter“, eine schweizer Zeitung, wendete sich an Xenia auf der Suche nach einer Sexarbeiterin, die er für seine Serie über spannende Leute portraitieren könne. Brigitte Obrist meldete sich, und kam mit ihrem bürgerlichen Name und Foto auf die Titelseite. Sich selbst zu stigmatisieren und unter ihrem Künstlerinnenname aufzutreten, das kam für sie nicht in Frage. Der Chefredakteur rief sie nach der Veröffentlichung an, dass ihre Eltern das Abo gekündigt hätten. Und in dem Dorf wo Obrist aufwuchs, wusste ‚es‘ dann natürlich auch jeder. Zwei Jahre hielt ihre Mutter ohne Kontakt zur Tochter aus.

Dabei wusste sie es schon vorher, da sie die Taschen durchsucht hatte. Gewundert hatte das Brigitte nicht und sie erzählt weiter, ihre Mutter hätte ihr im Alter von 12 Jahren mal an den Kopf geworfen „Du landest mal auf dem Strich!“. Der Grund: Sie hatte einen Schulfreund. Und ich frage mich, ob eigentlich allen jungen Frauen und Mädchen in einem Moment der Wut eine ähnliche Prophezeihung an den Kopf geworfen wird?

Nach dem Outing kündigte die Vermieterin Obrist ihre Privatwohnung, aus Angst vor den Reaktionen & dem Denken der anderen Leute, weil sie „so einer“ die Wohnung vermietet hat. Dabei versuchte das Dorf sie dazu zu bewegen, die Kündigung zurück zu ziehen, da diese Obrist kannten und mochten.
So einige Frauen wollten neugierig wissen, ob es entsprechenden Service denn auch für sie gäbe. Überhaupt schien die Vorstellung zu herrschen, Prostituierte würden es „rund um die Uhr machen“.
Ein großer Vorteil des Outings war, Heimgehen zu können, wann sie es wollte und Herren empfangen zu können, wann ihr danach war. Eine Befreiung. Die Zeiten der Spekulationen waren zu Ende.

Obrist fing an, für die Schweizer Aidshilfe zu arbeiten und nebenbei ein kleines Bordell zu betreiben. Zur Einweihungsfeier waren alle, von Politikern über Freunde bis zur Verwandtschaft, eingeladen und auf den Fernsehern auf den Zimmern liefen VHS Kassetten mit Disneyfilme für die Kinder.
Tage später meinte einer der Freier „Ihr habt aber heiße Pornos hier!“ Die VHS Kassette war noch nicht ausgetauscht worden.

Bei der Aidshilfe begann Obrist auch mit Peer-Arbeit. Der Subventionsgeber wollte, dass sie auch die Stricher mitbetreute. Da sie sich aber als heterosexuelle Frau keine Kompetenzen darin zuordnete männlich-homosexuelles Klientel zu betreuen, lehnte sie das dankend ab. Mann-Männliche Sexarbeit war bis 1995 in der Schweiz wohlgemerkt verboten.
Gelder für die Aufklärung und Professionalisierung unter Sexarbeiter_innen gab es nur über die HIV/Aids-Präventionsschiene. Also wurden Audiokassetten zur HIV/Aids-Aufklärung gleich dafür mitgenutzt, Informationen über die rechtlichen Regelungen zu verbreiten.

Die rechtliche Situation für Sexarbeiter_innen ist in der Schweiz förderalsitisch geregelt. Das heißt, jeder Kanton kann sein eigenes Gesetzeswerk festlegen. In Zürich gab es also mal eine Registrierung, die wurde auf Grund des Datenschutzes abgeschafft, nur um sie 2012 wieder einzuführen. Grund der Wiedereinführung: Die Migrant_innen. Dieses Narrativ der armen und ausgebeuteten Migrantin muss auch in Deutschland als Argument herhalten: PolitikerInnen wollen Schutz durch Registrierung gewährleisten. Überhaupt sieht Obrist die gesetzlichen Regelungen zu Prostitution vor allem als ein Mittel der Politik an, die Migration zu lenken, sprich möglichst zu verhindern. Dabei dürfen Migrant_innen aus Ländern ohne Personenfreizügigkeit sowieso nur in der Sexarbeit arbeiten, wenn sie einen geregelten Aufenthaltsbewilligung besitzen. Das alles macht sie noch wütender als die Gängelung, dass jetzt jede_r selbstständige_r Sexarbeiter_in aus einem EU/ EFTA Staat den Behörden einen Businessplan vorzulegen hat.

Die Folge: Immer mehr Prostituierte arbeiten in den Kantonen mit Registrierung illegalisiert, also in fast allen Kantonen. Die kleinen Kantone, wo es offiziell keine Prostitution gibt und daher keine Gesetzgebung gibt, bilden mit ein paar wenigen großen Ausnahmen. Obrist findet, dass untergetaucht zu arbeiten heutzutage mit dem Internet deutlich leichter zu bewerkstelligen sei als früher. Ein Wink mit den Zaunpfahl gen deutscher Bundesregierung?

In die umfassende deutsche Gesetzgebung inkl diverser Sonderparagraphen inner- und außerhalb des Strafgesetzes wird sich Obrist demnächst einarbeiten. Das Prostituiertenschutzgesetz lehnt sie jedenfalls konsequent ab. Den Hurenausweis, also das Dokument, dass die Registrierung belegen soll, hält sie für total daneben. Und die folgende Zunahme der Stigmatisierung gegen einzelne Bevölkerungsgruppen für gefährlich.

Wie ähnlich sich die Spielfiguren in Deutschland und der Schweiz auf dem Schachfeld der Prostitution sind, wird nicht zuletzt deutlich an den Neo-Evangelikalen, die hüben wie drüben ihr Unwesen treiben. „In der Schweiz bieten sie keinerlei konkrete Hilfe an, fangen die Sexarbeiter_innen über den Glauben ein und fungieren letztendlich doch nur als Seelensammler.“

„Dabei wird Sexarbeiter_innen kein Respekt verschaffen, wenn sie von vornherein als Opfer gesehen werden, ob sie nun Ausbeutung erlebt haben oder nicht. In anderen Branchen gibt es in der Schweiz gar keine Daten zu Menschenhandel, und wenn die Betroffenen erwischt werden, dann wegen Schwarzarbeit oder illegalisierten Aufenthalts. Arbeitsausbeutung ist eine Straftat, die meisten Fälle finden in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft und auf dem Bau statt.“

An absurden Erlebnissen mangelt es Orbist jedenfalls nicht. Ein Mann störte sich an der Leuchtreklame „Kosmetik- und Massagesalon für Männer“ eines Bordells. Der leuchtende Schriftzug würde seine Frau und seine Kinder belästigen. Die Behörden hatten diesen genehmigt, aber er legte Widerspruch ein. Der Witz daran: Weder er noch seine Familienangehörigen konnten die Leuchtreklame von ihrem Grundstück aus sehen, da dazwischen eine Papierfabrik stand.

Solche Phänomene haben inzwischen sogar einen eigenen Namen: „Ideelle Emissionen“: Die Leute fühlen sich durch die reine Existenz von Sexarbeit in ihrer Nachbarschaft gestört. Brigitte Obrist und ich fragen uns, was in den Köpfen dieser Leute vor sich gehen mag. Schließlich sind es letztendlich die Bilder der eigenen Fantasie, die diese Menschen stört, nicht die Sexarbeiter_innen oder deren Arbeit. Und als Sexarbeiter_innen sind wir nun definitiv nicht dafür verantwortlich, was sich die Nachbar_innen in ihren Hirnkasten ausmalen. Obrist betrachtet es nicht als die Aufgabe des Staates sich um die Psychohygiene der Leute sorgen muss, nur weil die sich selbst nicht drum kümmern.

Das Ergebnis erkennt Obrist im zunehmend frigideren Umgang mit Sexarbeit durch die Gesellschaft und der daraus folgenden Verdrängung der Rotlichtbezirke. Zürich soll zu einer Wohlfühlkomfortzone werden, Prostitution, und gerade Straßenstriche, passen da nicht ins Konzept. (Gehts bei Sexarbeit nicht auch um Wohlfühlen und Komfort?!) Dabei brauche Rotlicht die Schaukundschaft, da diese nicht zuletzt Sicherheit bedeutet. Die Verantwortung liegt dabei auch ganz konkret bei den Medien. Die Darstellungen sind unausgewogen und wenig offen. Am liebsten wird der Mitleidsporno rund um die ausgebeutete Migrantin oder der ausgefallene Gegenentwurf der privilegierten Edelhure gezeichnet. Offene Berichterstattung, die nicht über Klischees arbeitet, so wie das noch zu Zeiten ihres Outings gewesen sei, das würde sich Obrist wirklich wünschen.

Die Zuhälter hätten sie damals gar nicht gewollt. Meint sie, die während ihrer Arbeit als Sexarbeiterin zur überzeugten Feministin wurde. „Ehrlich gesagt, ich hätte auch keine Lust gehabt dem jeden Monat 10 Riesen in den Arsch zu schieben, damit der sich ’nen schönen Lenz daraus macht, für bisschen Papierkram mit der Krankenkasse usw.“ Ich finde die Politik könnte daraus lernen, würde sie Sexarbeiter_innen wie Obrist zuhören: Lasst uns die jungen Mädchen dieser Welt zu selbstbewussten Frauen erziehen, die sich so wenig wie Obrist scheuen für ihre Meinung einzutreten. Frauen, die einen Typ vor die Tür setzen, wenn er ihr versucht weis zumachen, sie sollte für das gemeinsame Leben Geld auf dem Strich verdienen. Und zwielichtigen Gestalten einen Vogel zeigen, die meinen, dass genau er der richtige Beschützer sei, dessen „Dienstleistung“ viel Geld wert sei. Und auch wenn sich das nicht aus Obrists Leben ableiten lässt: Wäre für manche Männer nicht gar so perspektivlos, wäre deren Interesse daran kriminell zu werden und Frauen auszubeuten auch nicht so hoch.

Obrist begegnete ihren Kunden in erster Linie als Menschen: Nackt, ohne Hemd und ohne Hose. Damit waren der Freier frei, oder zumindest freier, von seiner Rollen als Mann. Als Sexarbeiter_in lerne man die Menschen zu akzeptieren so wie sie sind.

Von den neo-wertkonservativen FeministInnen hält Obrist wenig. Vorschriften, wie man sich richtig zu verhalten habe, was hat das mit dem Feminismus zu tun, der Frauen genau von solchen Vorschriften befreien will? Und so erscheint ihr Alice Schwarzer wie ein alter Mann, denn alte Männer tendieren auch zu einer gewissen Altersradikalität. Die Lösungsansätze der wertkonservativen Feministinnen sind abgehoben und werden für die realen Probleme nichts bringen.

Hat sie denn eine Vision, frag ich sie? Ja, Sexarbeit soll anerkannt werden, so wie andere Berufe auch Anerkennung genießen. Auch ohne Ausbildung. Dabei sieht sie Sexarbeit nicht als Beruf wie jeden anderen, da jeder Beruf für sich speziell ist. Letztendlich empfindet sie es persönlich, jemanden die Nase zu putzen oder jemanden die Haare zu schneiden als intimer, als bei einer professionellen Haltung mit fremden Männern zu schlafen. Sexarbeit sollte als stilles Gewerbe akzeptiert werden und damit als das angesehen werden, was es ist. Sondergesetze braucht es nicht, auch nicht gegen Migrantinnen. Die Gesetze sollten Sexarbeiter_innen am besten in Ruhe lassen. Vor allem die im Strafgesetzbuch. Denn alles strafbare ist sowieso schon gesetzlich verboten.
Und darüber hinaus? Sie wünscht sich Lohngleichheit für Frauen und Männer, dass Frauen nicht aufs Äußere reduziert und in ihrer Berufswahl eingeschränkt werden.

Auch wenn Obrist bereits vor über 20 Jahren die Sexarbeit an den Nagel hängte – so merkt sie dank ihres Outings und der resultierenden Stigmatisierung, dass es heißt „Einmal Hure, immer Hure“. Aktivistin ist sie geblieben.
Kraft für den Kampf um die Rechte von Sexarbeiter_innen tankt sie in ihrem Garten, wo sie Rosen und Tulpen zum blühen bringt. Bei schlechtem Wetter erfreut sie sich an den Orchideen und als eingefleischter Serienjunkie schaut sie am liebsten gezielt fern, zuletzt ‚The Walking Dead‘ und ‚American Horrorstory‘.

Autorin: Marleen

Dank an meine liebe alte Schulfreundin fürs Korrekturlesen des Artikels.

 

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Brigitte Obrist –  Ihr Blog „Eidgenossin“

Foto: Mika Flam

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